Brief der Regisseurin Kristin Derfler an die Frauen von Hoheneck

12. November 2011

Liebe Frauen von Hoheneck,

mit der überwältigenden Ausstrahlung der beiden Filme am Mittwoch ist für uns ein langer Weg erfolgreich zu Ende gegangen, der von vielen Felsbrocken überlagert war.

Wir sind glücklich und sehr erleichtert, dass dieser Abend im Hauptprogamm der ARD zur primetime stattgefunden hat und wir hoffen, nach dem Anschauen der stark gekürzten und veränderten Fernsehdoku, seid ihr immer noch zufrieden mit dem Ergebnis. Unsere lange Fassung gibt es bei der Bundesstiftung zur Aufarbeitung der SED Diktatur unter dem Titel „Ein Tag zählt wie ein Jahr“.

Wir möchten euch danken, für euer Vertrauen, das ihr uns in den letzten Jahren geschenkt habt, denn dieser Mut, EUER Mut ist Millionenfach gesehen und belohnt worden. Fast sechs (6!) Millionen Zuschauer bundesweit haben sich zwei Stunden an diesem Abend, dem 9. November 2011, mit euren Schicksalen und Hoheneck beschäftigt.

Für uns war die gemeinsame Zeit mit euch sehr bewegend. Wir haben viele tolle Frauen und spannende Persönlichkeiten kennenlernen dürfen und dafür sind wir sehr dankbar.

Jede von euch hätte es verdient, einzeln gewürdigt und vorgestellt zu werden. Aber auch wir sind nicht „frei“ und mußten Kompromisse machen. Deshalb mußten wir auch irgendwann bestimmte Entscheidungen treffen, sie sind uns nicht leicht gefallen, aber wir sehen in den vier exemplarisch vorgestellten Frauenschicksalen und ihren Familien JEDE EINZELNE von euch: Ihr seid Kameradinnen, trotz der vielen, sehr unterschiedlichen Schicksale zu unterschiedlichen Zeiten und vor allen Dingen seid ihr in euren Seelen vereint, in einer für euch alle überaus schmerzvollen Leidenszeit. Dessen solltet ihr euch immer bewußt sein.

Es ist nicht vorbei – so lautet der Titel des Spielfilms. Vieles ist nicht vorbei, noch lange nicht bewältigt und aufgearbeitet. Aber ein kleiner, bescheidener Anfang ist gemacht: Heute kann keiner mehr sagen, er oder sie habe noch nie etwas vom Frauengefängnis Hoheneck gehört.

Wir wünschen euch weiterhin viel Kraft für euren Kampf für eine würdige Gedenkstätte und ihr könnt stets auf unsere Unterstützung zählen.

Genießt den Erfolg, liebe Hoheneckerinnen – es ist in erster Linie und ganz allein EUER Erfolg!

Unser spezieller Gruss richtet sich an die Kinder und Familienangehörigen der Hoheneckerinnen. Ihnen gebührt unser Respekt, denn sie mußten mit den Folgen ihrer eingesperrten Mütter und Väter alleine zurecht kommen.
Das Schlimmste am Schlimmen ist, nicht darüber reden zu können. Deshalb: Hört nie auf Fragen zu stellen und sucht das Gespräch.

Herzliche Grüsse,

Eure Filmemacher Kristin Derfler+Dietmar Klein

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ARD-Spielfilm „Es ist nicht vorbei“

12. November 2011

Der kürzlich in der ARD gesendete Spielfilm „Es ist nicht vorbei“ wurde von knapp 6 Millionen Menschen in der Bundesrepublik gesehen (Quote lt. ARD 18,3%). Die sich anschließende Dokumentation „Die Frauen von Hoheneck“ von Kristin Derfler und Dietmar Klein erreichte mit 17,3 % Quote ebenfalls sehr viele Menschen. Trotz der Freude über dieses ausgezeichnete Ergebnis, wurde die Ausstrahlung überschattet von einem Bericht über die Stasi-Verstrickungen des Schauspielers Ernst-Georg Schwill, der passenderweise auch noch einen Ex-Führungsoffizier der Stasi darstellte. Um ein Haar wäre der Film deshalb sogar auch dem Programm genommen worden! Dabei war die Stasitätigkeit von Schwill offensichtlich schon länger bekannt. Die Vereinigung 17.Juni 1953 e.V. berichtet:

„Tatsächlich hatte die BILD am SONNTAG und im Gefolge zahlreiche Zeitungen bereits 2006 über die Vorwürfe gegen den TATORT-Schauspieler breit und umfassend berichtet, wie Recherchen des Fördervereins BuG Hoheneck zwischenzeitlich ergaben. Insoweit war der gestrige hier veröffentlichte Vorwurf gegen BILD unzutreffend, BILD sei seiner Aufklärungspflicht nicht oder unzureichend nachgekommen. Auch der Autor des gestern in BILD veröffentlichten  Artikels, Hans Wilhelm Saure, hatte bereits 2006 ausführlich in BILD am SONNTAG über diesen Komplex berichtet.

Auffällig in dieser vor fünf Jahren verbreiteten Information sind die vielfach zitierten Anfragen an den RBB, der zusammen mit dem SWR und dem Film-Studio Hamburg den Hoheneck-Film produziert hatte. Der RBB hatte seinerzeit „eine Prüfung der Vorwürfe“ zugesagt, diese Prüfung aber offensichtlich nicht oder nur unzureichend durchgeführt. Jedenfalls scheinen danach die RBB-Verantwortlichen durchaus in der Lage gewesen zu sein, ihre Produktions-Partner vor einer Besetzung der Rolle des einstigen Führungsoffiziers mit dem offenbar Stasi-belasteten Schauspieler zu warnen oder gar nicht erst zuzulassen. Es stellt sich hier aus unserer Sicht, der einstigen Verfolgten  des DDR-SED-Regimes nicht die Frage nach einem ARD-Skandal, wie BILD titelte, sondern die Frage nach einem möglichen Skandal im RBB: „Wir erwarten eine solide und konsequente Prüfung der Vorgänge und Abläufe im Sender, damit in Zukunft derartige Pannen nicht mehr passieren,“ erklärte die Vorsitzende des Hohenecker Vereins nach Kenntnis der Fakten. Es sei ein erheblicher Unterschied, ob „der Sender trotz dieser Vorwürfe eine bekannte Krimi-Serie mit einem ehemaligen Stasi-Mitarbeiter besetze, was an sich schon schlimm genug sei. Nicht hinnehmbar sei die Besetzung in einem derart wichtigen Film, der gerade die Verstrickungen eines Stasi-IM und die daraus resultierenden Langzeitfolgen  für die Opfer zum  Thema habe.“

Trotzdem bleibt Sterneberg dabei: “Unabhängig von diesen Vorwürfen, die uns alle überrascht und schockiert haben, sei die Rolle von Schwill überzeugend und frappierend echt gespielt worden.“ Vielleicht habe er damit im Nachhinein einen  wichtigen  Beitrag geleistet und habe so als Belasteter einen eindrücklichen Blick in die heutige Psyche ehemaliger Stasi-Obristen ermöglicht.

Schwill lag mit seiner 2006 selbst geäußerten Befürchtung offenbar bisher falsch: „Jetzt beginnt die Hexenjagd. Ich bekomme wohl keine Arbeit mehr“, hatte er seinerzeit gegenüber dem Berliner Kurier geäußert. Denn  seit der ersten Aufdeckung seiner offenbaren Verstrickungen konnte sich der Schauspieler über Einschränkungen seiner schauspielerischen Tätigkeit nicht beklagen.“

 

 

 


DDR-Martyrium: „Es ist nicht vorbei“

10. November 2011
Meine Horrorjahre im Frauenknast der Stasi

Am 7. November geht Tatjana Sterneberg (59) durch die Hölle. In jedem Jahr. Heute vor 38 Jahren wurde sie verhaftet – weil sie liebte. Die gebürtige Lichtenbergerin wollte ihren Italiener, ihren Antonio Borzachiello heiraten und stellte einen Ausreiseantrag. Statt vor dem Altar landete sie im sächsischen Frauenzuchthaus Hoheneck, saß dort wie rund 8000 Andere unter menschenunwürdigen Bedingungen in Haft. Von ihren Erlebnissen und Verletzungen erzählt der ARD-Fernsehfilm „Es ist nicht vorbei“.

„Er spiegelt dass wieder, was wir Frauen in Hoheneck durchmachten“. Mit fester Stimme lobt Tatjana Sterneberg Film (Mittwoch, 20.15 Uhr) und Hauptdarstellerin Anja Kling (41) im KURIER-Gespräch. Doch ihre Gedanken schweifen ab ins Jahr 1973. Zu tief sind die Narben, die die Haft hinterließ.

Ohne, dass der Reporter nachhaken muss, erzählt die heute 59-Jährige von ihrem Martyrium. Als blutjunge Kellnerin im Hotel „Stadt Berlin“ (heute „Park Inn“) lernte sie den feurigen Antonio, damals 27, aus West-Berlin kennen – die Liebe schlug ein wie der Blitz. Schnell stand fest: Hochzeit sobald wie möglich, Tatjana stellte einen Ausreiseantrag – und wurde fortan von der Stasi überwacht. In der Geheimoperation „Hänsel und Gretel“ wurde sie über einen Lockvogel und dessen angeblichen Schleuser-Ring hereingelegt, wurde heute vor 38 Jahren in ihrer Wohnung verhaftet.

„Damit begann die schlimmste Zeit meines Lebens. Wegen „staatsfeindlicher Verbindungsaufnahme und Vorbereitung zum ungesetzlichen Grenzübertritt“ verurteilten sie Richter zu drei Jahren und acht Monaten Haft im Frauenknast Hoheneck. Für Sterneberg die Hölle auf Erden. Auf 24 Quadratmetern schliefen 24 Frauen in dreistöckigen Etagenbetten. „Zwei Toiletten mussten wir uns mit 48 Häftlingen teilen.“ Tatjana begann sich zu wehren, eckte immer wieder mit Wärterinnen an – Einzelhaft.

Quelle: Berliner Kurier, Markus Böttcher, 7.11.2011