Westware aus dem Ostknast

9. Juli 2012

Mit der DDR-Häftlingsarbeit dokumentiert die ARD ein besonderes Kapitel deutsch- deutscher Geschichte.

 Wäre es rausgekommen, so hätte es alle schlimm getroffen, urteilt die Autorin über jene Kassiber, die Frauen aus dem Gefängnis Hoheneck bei Chemnitz zwischen die Bettwäsche schmuggelten, die sie für das Versandhaus Quelle genäht hatten: Den Gefangenen wäre eine hohe Strafe sicher gewesen. Quelle hätte einen Skandal ausgelöst, wäre bekannt geworden, unter welch katastrophalen Arbeitsbedingungen ihre Produkte im Ost-Knast entstanden. Und die DDR hätte mit Quelle wohl einen lukrativen Kunden verloren. So waren die heimlichen Kassiber, die Kunden in der Quelle-Wäsche fanden und an den Konzern schickten, für den damaligen Vorstandsvorsitzenden Willi Harrer eben „unpolitisch“ und „einfach nur Grüße aus dem Ost-Knast an den Westen“. Und so schwieg man nicht nur bei Quelle, sondern auch bei Ikea und anderen Firmen, die bestens verdienten mit DDR-Produkten aus der Häftlingsproduktion. Deren Palette reichte von Strumpfhosen, Möbeln, Kamerateilen bis hin zu elektrischen Haushaltgeräten.

In der ARD-Reihe „Geschichte im Ersten“, die vom MDR produziert wurde, greift die Autorin Anne Worst dieses Thema auf. Sie zeigt, welche beträchtlichen Umfänge diese zweifelhafte Form der deutsch-deutschen Geschäftemacherei erreicht hatte. Zweifelhaft deshalb, weil es um die Arbeitsbedingungen in den Produktionsstätten der DDR-Gefängnisse schlimm stand und weil Häftlinge im Osten ganz anders bestraft wurden als im Westen, wenn sie die Arbeit verweigerten. Fernsehverbot im Westen und verschärfter Arrest im Osten waren die Konsequenzen, so ist es dem Film zu entnehmen.

Selten gezeigte Aufnahmen aus DDR-Haftanstalten, zahlreiche Fakten über die Entwicklung des deutsch-deutschen Warenverkehrs und ungeschminkte Berichte zahlreicher Zeitzeugen aus Ost und West machen den Film zu einem durchaus wertvollen Kapitel Zeitgeschichte. Mit Waldheim, Hoheneck und Dresden liegen zudem viele Handlungsorte in Sachsen.

Artikel von Thomas Schade, Sächsische Zeitung,  9. Juli 2012

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