Staatsfeind wegen der Liebe

19. September 2011

Tatjana Sterneberg wollte einen Italiener heiraten und landete dafür drei Jahre im Gefängnis

ORANIENBURG – Ein Italiener mit dem schönen Namen Antonio hatte es ihr angetan. Er war groß, sah gut aus und hatte Manieren. Zur ersten Verabredung schenkte er ihr Blumen. Doch es gab ein Problem. Tatjana Sterneberg lebte und arbeitete in Ost-Berlin, im Stadt-Hotel-Berlin, dem heutigen Park Inn. Antonio arbeitete in West-Berlin. Weil die DDR ihren Ausreiseantrag ablehnte, plante das Pärchen die Flucht in den Westen. Doch die Stasi kam ihnen zuvor.

Am 7. November 1973 nahmen drei Männer Tatjana Sterneberg, geboren 1952 in Ost-Berlin, „zur Klärung eines Sachverhaltes“ mit zum Verhör. Am 13. Mai 1974 wurde sie wegen „staatsfeindlicher Verbindungsaufnahme und Vorbereitung zum ungesetzlichen Grenzübertritt“ zu drei Jahren und acht Monaten Haft verurteilt und ins berüchtigte Frauengefängnis Hoheneck im Erzgebirge verschleppt. Was folgte, erzählte Tatjana Sterneberg gestern Schülern am Georg-Mendheim-Oberstufenzentrum in Oranienburg.

Mit bis zu 24 Frauen auf 30 Quadratmetern erlebte Tatjana Sterneberg in einer Zelle eingepfercht Schlimmes. Es gab die perfiden Verhörmethoden und den Psychoterror der Stasi. Und dann immer wieder Schläge, Isolationshaft und Folter. Tatjana Sterneberg verlor sogar ein Kind im Gefängnis. 1976 schließlich wurde sie vom Westen freigekauft. „Wir waren froh, dass wir das alles hinter uns hatten. Wir sind auf den Boden gefallen, haben den Boden geküsst“, berichtet sie von ihrer Ankunft in Westdeutschland.

Später erfuhr Sterneberg, dass die Stasi sie mit gesundheitsschädigenden Psychopharmaka vollpumpen ließ und sie von Spitzeln umgeben war. Der Arzt, Mithäftlinge, sogar der Seelsorger im Gefängnis hatten sich von der Stasi einspannen lassen.

Für Tatjana Sterneberg begann nach ihrem Martyrium in Hoheneck zunächst eine glückliche Zeit. Ihren geliebten Antonio, der selber zwei Jahre in Haft saß, heiratete sie 1977 in Neapel, anschließend zog das Paar nach Westberlin. Aus der Ehe stammt ein Kind.

Doch die Geschichte hat sie eingeholt. Nach ihrer Haft litt sie unter Panikattacken, konnte sich nicht in kleinen Räumen aufhalten. Dann, als die Mauer fiel, fiel Tatjana Sterneberg in eine tiefe Depression. Erinnerungen kamen hoch. Manchmal glaubte sie, der Boden unter ihr würde sich auftun und sie verschlucken. Eine „post-traumatische Belastungsstörung“, so die Diagnose. Sie hat inzwischen Therapien gemacht und gelernt, mit ihrem Trauma umzugehen. Dazu gehörte auch, mehr über die DDR zu erfahren und ihre Peiniger zur Rede zu stellen.

Einmal hat sie auch den Arzt, der sie in Hoheneck mit Psychopharmaka ruhig stellte, besucht. Er praktiziert heute in Ahrensfelde. Von Reue keine Spur.

Quelle: Sebastian Meyer, 17.9.2011, Märkische Allgemeine

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Offener Brief an eine Hoheneckerin

12. September 2011

Liebe Anneliese,

in diesen Tagen und Wochen denke ich besonders an Dich. Warum?

Als ich Dir vor jetzt 49 Jahren als erster Leiter der damaligen Ausstellung an der Mauer in der Bernauer Straße begegnete, war ich gerade einmal 18 Jahre alt. Zwar hatte ich einen  ersten Hungerstreik (am Mahnmal für Günter Litfin) hinter mir und u.a. auch schon einmal im November 1961 eine Demo gegen die Mauer stark beeinflusst. Aber all diese ersten Anfänge eines aktiven Engagements konnten Deine schlimmen Erfahrungen nicht annähernd toppen, wie es heute neudeutsch heißt.

Du warst gerade einmal um die dreißig Jahre alt und hattest schon 10 Jahre in dem DDR-Frauenzuchthaus Hoheneck hinter Dir. Mich hat Dein Schicksal damals wie heute tief berührt.

Zum ersten Mal erfuhr ich nicht aus der Literatur sondern von einem leibhaftigen Menschen über die schweren Verbrechen des „ersten  Arbeiter und Bauernstaates auf deutschem Boden“ gegen Menschen, gegen die Menschlichkeit. Von Dir erfuhr ich erstmals von dem Wirken der „Kampfgruppe gegen  Unmenschlichkeit“ (KgU), von dem doch sehr differenziert zu sehenden Engagement ihres Gründers, unseres damals verehrten „Doktors“ Rainer Hildebrandt, dem Begründer der ersten Mauerausstellung in der Wolliner- Ecke Bernauer Straße. Er hatte Dich nach fünfjähriger Haft in Hoheneck überredet, erneut Flugblätter in Ost-Berlin zu verteilen, dies sei jetzt völlig gefahrlos für Dich. Du wurdest erneut verhaftet und musstest die nächsten  fünf Jahre wieder in Hoheneck zubringen.

Hier weiterlesen: Offener Brief

Quelle: Vereinigung 17. Juni 1953 e.V., http://17juni1953.wordpress.com/tag/hoheneck/


Erstes Konzept für Hoheneck

6. September 2011

Erstmals haben sich Besitzer, Opferverein und Stadt auf eine gemeinsame Nutzungsvariante verständigt

Stollberg. Gut Ding will Weile haben, sagt der Volksmund. Wenn dies stimmt, dann wird die Zukunft für das Ex-Frauengefängnis Hohen-eck sehr gut. Denn zu lange konnten öffentliche Hand, Opferverbände und der Besitzer der Immobilie keinen Draht zueinander finden. Doch das ist nun anders. Ein erstes Konzept für die berühmteste leer stehende Immobilie der Region liegt vor. „Alle Beteiligten halten es für umsetzbar. Aber es ist nur ein Beginn, auch noch nicht finanziell untersetzt“, so Prokurist Jens Franz im Auftrag des saarländischen Schloss-Eigentümers Bernhard Freiberger.

Der Südflügel: Gedenkstätte

Nach seiner Aussage – und der anderer Entscheider – soll nicht mehr das gesamte Schlossareal eine Gedenkstätte sein. Dafür ist der Südflügel mit den Wasserzellen, die einst Bundespräsident Christian Wulff besuchte, vorgesehen. Regelmäßige Führungen sind geplant – aber auch eine Einbettung in ein museales Rahmenkonzept, welches die gesamte Historie des Schlosses für Interessierte zeigt. Der Kern dessen, so sind sich alle einig, soll aber die Zeit als DDR-Frauengefängnis sein. Der Frauenkreis der ehemaligen Hoheneckerinnen soll zudem Räume im Eingangshaus erhalten, welches in den Hof führt. […]

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Quelle: Jan Oechsner, Freie Presse, 6.9.2011