„Überdurchschnittliches Interesse“ an Hoheneck

3. Januar 2010

Aus der Stollberger Zeitung:

Gerüst am Hohenecker Westflügel

Sicherungsinvestition im ältesten Teil des früheren Frauengefängnisses – Einträgliche Nutzung bleibt ein Problem

Erst Grenzfeste Staleburg, dann königliches Jagdschloss, später Gefängnis und nun ein Ensemble von fragwürdigem Nutzwert: Als Gedächtnisort bleibt Schloss Hoheneck bedeutsam, und der Faszination des Schlossensembles können sich Stollberg-Besucher nicht entziehen.
Foto: Andreas Tannert

Stollberg. Zur Sicherung der Gebäudesubstanz von Schloss Hoheneck ist die Fassade des Westflügels derzeit eingerüstet. Nach wie vor finden in dem einstigen Frauengefängnis auf Anfrage Führungen statt. Der private Gebäudeeigentümer, die Chemnitzer Firma Artemis des Unternehmers Bernhard Freiberger, registriert wegen des 20-jährigen Wendejubiläums ein überdurchschnittliches Interesse.

Ende voriger Woche besichtigten frühere politische Gefangene des Hohenecker Frauenkreises den wuchtigen Komplex. Die Frauen hielten ihr jährliches Treffen in Stollberg ab.

Ein umfassendes Nutzungskonzept für das Schloss ist noch nicht in Sicht, sagte am Montag Jens Franz, Mitarbeiter von Artemis. Die gesamtwirtschaftliche Lage wirke sich nicht begünstigend aus. Allerdings werbe Artemis weiterhin um Partner für Investitionen, öffne den Ort für Führungen und führe Sicherungsmaßnahmen an den Gebäuden durch. So sei das beschädigte Dach des Westflügels, in das es hineinregnete, erneuert worden. Da nun das Gerüst einmal stehe, würden offene Putzstellen an der Fassade ausgebessert, sagte Franz, der das Investitionsvolumen auf 70.000 Euro bezifferte.

Nach Angaben von Artemis werden pro Monat im Schnitt etwa vier Führungen nachgefragt, jede Gruppe mit 20 bis 30 Leuten. Es kommen Betroffene, Touristen, Schulklassen, im Jahr rund 1200 Leute. Dabei merke man deutlich, wie die Herstellung und Ausstrahlung von Fernsehfilmen oder eine anderweitige Präsenz des Themas in den Medien zu einem steigenden Interesse führe, so Jens Franz.

Der westliche Flügel, an dessen Außenfront jetzt weithin sichtbar die Gerüste stehen, ist der älteste Teil des Gebäudekomplexes. Hier lagen Zellen auf vier Etagen, darunter Großraumzellen für 48 Häftlinge in der Zeit der Nutzung als Frauengefängnis. Eine Besonderheit verbirgt sich im Obergeschoss: ein Kirchensaal mit Orgel. Zu DDR-Zeiten verschwand das Instrument hinter einer Mauer, und der Saal wurde zu Kinovorführungen genutzt.

Ein 1914 von einem Insassen gemaltes Altarbild, das Jesus umringt von Häftlingen zeigt, musste 1956 von der Wand genommen werden. Es befindet sich heute in der Stollberger Stadtbibliothek am Schillerplatz, wo auch eine Dauerausstellung zum Hohenecker Frauengefängnis zu sehen ist. Stadtratsmitglied Theo Schreckenbach, der Gruppen durch den Schlosskomplex führt, pflegt auf den Blick von dort oben hinzuweisen: „Für Häftlinge, deren Zellen zum Innenhof hinausgingen, bot dieser Saal eine seltene Aussicht nach draußen.“ Der Blick umfasst von hier den Stollberger Süden und Mitteldorf.

Das Hohenecker Gefängnis, in dem nach der Wende auch Männer einsaßen, war im April 2001 geschlossen worden. 2002 wurde das Ensemble an Bernhard Freiberger verkauft, der einen Freizeit-/Erholungskomplex daraus machen wollte.

(Von Ronny Schilder/Erschienen am 05.10.2009)

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