Wie es damals wirklich war

7. Februar 2014

Ehemalige politische Gefangene in der DDR berichten Ketteler-Schülern von ihren Erfahrungen

DDR Zeitzeugen berichtenMAINZ – Geschichtsunterricht mal aus einer anderen Perspektive: Das erlebte die Jahrgangsstufe 13 des Ketteler-Kollegs und Abendgymnasiums, als mit Manuela Polaszczyk und Elke Schlegel zwei ehemalige Stasi-Gefangene von den Erlebnissen und Erfahrungen in der SED-Diktatur berichteten.

„Wir nehmen zurzeit die DDR im Unterricht durch“, erklärt die Lehrerin des Geschichtsleistungskurses, Chrissi Tassiopoulou. „Meine Schüler fragen mich immer: Wie war das denn damals ganz genau? Als Geschichtslehrer kann man viel sagen, aber wie es da wirklich war, können nur Zeitzeugen berichten.“

Geschichtslehrer Thomas Meysing stimmt zu: Nach dem Fall der Mauer sei das alles für viele nur Geschichte. Mithilfe des Koordinierenden Zeitzeugenbüros in Berlin konnte die Veranstaltung stattfinden.

„Meine Eltern sind kurz vor dem Mauerbau aus Baden-Württemberg in die DDR gezogen“, beginnt Manuela Polaszczyk ihre Geschichte. „Als mein Vater wieder zurück in den Westen wollte und dafür ins Gefängnis kam, wurde auch eine Stasi-Akte über mich angelegt. Ich durfte nirgendwohin reisen – weder nach Ost-Berlin noch nach Tschechien oder Polen. Da habe ich einen Ausreiseantrag gestellt und wurde prompt ,zwecks Klärung eines Sachverhaltes’ von der Stasi abgeholt.“ Die damals 20-Jährige beschloss, einen Fluchtversuch zu wagen, wurde jedoch von der Stasi erwischt und zu zweieinhalb Jahren Haft verurteilt, die sie im Frauenzuchthaus Hoheneck absitzen musste.

Ins Gefängnis gebracht

Auch Elke Schlegel wurde in dieses Gefängnis gebracht, 1983, nachdem sie mit Freund und Sohn Ausreiseanträge gestellt hatte. „Bevor wir abgeführt wurden, musste ich meinen Sohn noch zu meiner Mutter bringen. Ich sagte zu ihr: Pass auf mein Kind auf. Ich denke, wir sehen uns nie wieder“, erinnert sich Elke Schlegel. Unter unmenschlichen Bedingungen hätten die Gefangenen zehn bis zwölf Stunden arbeiten müssen.

Elke Schlegel wurde wegen Mangelernährung nach sechs Monaten vorzeitig aus der Haft entlassen, in die Bundesrepublik abgeschoben und ausgebürgert, ebenso wie Manuela Polaszczyk, die im Zuge des Häftlingsfreikaufs freikam. „Für Manuela war es der schönste Tag ihres Lebens, im Westen anzukommen – für mich war es der schlimmste“, sagte Schlegel – sie fürchtete, ihre Familie und vor allem ihren Sohn niemals wiederzusehen, was jedoch einige Monate später gelang.

„Durch die Zeitzeugen erfahren die Schüler, wie es damals wirklich war, weil heutzutage viel verklärt wird“, sagte der stellvertretender Direktor Rüdiger May.

Anna Speitel, Allgemeine Zeitung, 15.01.2014