Das Leben im Frauengefängnis

25. Mai 2014
Geschichte in Lehrbüchern ist lehrreich, aber lange nicht so anschaulich wie erlebte Berichte von Zeitzeugen. Nach diesem Muster traf sich die Klasse 10rb der Nelson-Mandela-Realschule plus in Dierdorf mit einer ehemaligen Inhaftierten des DDR-Frauengefängnisses Hoheneck.
Das Leben im Frauengefängnis

Bis zu 1.600 Frauen waren zeitweise in dem Gefängnis in Sachsen eingesperrt. Platz war dort eigentlich nur für 600 Gefangene. Die Frauen mussten teilweise auf dem Boden schlafen. Die Verhöre wurden nachts geführt, tagsüber war es bei Strafe verboten zu schlafen.

Hoheneck war das zentrale Gefängnis der DDR für Frauen, die wegen ihrer politischen Meinung auf der roten Liste des diktatorischen Regimes standen. In den Zellen wurden diese Frauen ganz bewusst mit Gewaltverbrecherinnen und Mörderinnen zusammen untergebracht. 2001 wurde das Gefängnis Hoheneck geschlossen. Ein Geschäftsmann wollte einen Freizeit- und Erholungspark daraus machen. Das scheiterte an wirtschaftlichen Schwierigkeiten und dem Widerstand der Opferverbände. Seitdem steht das Gefängnis leer, kann aber auf Anfrage besichtigt werden.

Elke Schlegel kam 1958 in Jena zur Welt. Mit etwas über 20 Jahren wollte sie – zusammen mit ihrem Freund – aus der DDR ausreisen und in der Bundesrepublik leben. Sie stellte immer wieder Ausreiseanträge, die abgelehnt wurden. Dann demonstrierte die sie mit Gegnern des DDR-Regimes gegen das Ausreiseverbot. Im März 1983 wurde sie verhaftet, obwohl man ihr wenige Tage zuvor versprochen hatte, dass sie jetzt ausreisen dürfe.

Als sie verhaftet wurde, hatte die junge Frau bereits einen zwei Jahre alten Sohn. Der wurde in der Haftzeit von Elkes Mutter versorgt. Wegen „ungesetzlicher Verbindungsaufnahme“ wurde Elke Schlegel zu einem Jahr und sechs Monaten Gefängnis in Hoheneck verurteilt. Im Gefängnis wurde sie untergewichtig. 1984 wurde die 26-Jährige von der Bundesrepublik freigekauft und durfte ausreisen. Ihr vier Jahre alter Sohn durfte ihr ein Jahr später nachfolgen. Sie hatte ihn zwei Jahre lang nicht mehr gesehen.

Im April kam Elke Schlegel auf Einladung von Lehrerin Andrea Ruhl nach Dierdorf. In der 10rb berichtete sie vom Leid der Frauen im Gefängnis Hoheneck. Ihr wurden viele Fragen gestellt: „Hatten Sie Freunde im Gefängnis?“, „Wie übersteht man diese schwere Zeit?“, „Konnten Sie telefonieren?“, „Gibt es heute noch Probleme wegen Ihres Aufenthalts in Hoheneck?“, „Was haben Sie nach Ihrer Entlassung getan?“. Elke Schlegel beantwortete alle Fragen ausführlich. So wurde es für die Jugendlichen der 10rb eine der interessantesten Geschichtsstunden ihrer Schullaufbahn.

Während ihrer Schulabschlussfahrt nach Berlin kurze Zeit später konnte sich die Klasse einen persönlichen Eindruck verschaffen, wie es in einem DDR-Gefängnis aussah. Die Schülerinnen und Schüler machten einen Ausflug zur Gedenkstätte Berlin-Hohenschönhausen, dem ehemaligen zentralen Untersuchungsgefängnis der Staatssicherheit der DDR. Der Besuch hinterließ ein beklemmendes Gefühl bei den Jugendlichen.

Quelle: NR Kurier, 25.5.2014


Frauen erzählen in Koblenz vom Grauen im DDR-Knast

24. März 2014

Koblenz – Elke Schlegel saß mehrere Monate im DDR-Knast Hoheneck. Sie hatte nichts verbrochen, sie wollte nur raus aus der DDR. Jetzt, drei Jahrzehnte später, eröffnete die Koblenzerin im Mittelrhein-Museum die Ausstellung „Das Frauengefängnis Hoheneck – 25 Porträts ehemaliger politischer Gefangener“.

1125704Elke Schlegel saß mehrere Monate im DDR-Knast Hoheneck, hinter Gittern, Stacheldraht und Elektrozäunen. Sie hat nichts verbrochen, sie wollte nur raus aus der DDR – rüber in den kapitalistischen Westen. Jetzt, drei Jahrzehnte später, eröffnete die Koblenzerin (55) im Mittelrhein-Museum auf dem Zentralplatz die Wanderausstellung „Das Frauengefängnis Hoheneck – 25 Porträts ehemaliger politischer Gefangener“.

Hoheneck war das größte Frauenzuchthaus in der DDR, es befand sich in einer Burg hoch über der sächsischen Kleinstadt Stollberg. Es war ein Monster mit hohen Mauern, heißt es im Begleitbuch zur Ausstellung „Der dunkle Ort“ von Dirk von Nayhauß und Maggie Riepl. Ein Monster, aus dem niemandem die Flucht gelang. Ein Monster, in dem die Häftlinge gefoltert und gedemütigt wurden. „Diskriminierend waren vor allem die Zellenrazzien und körperlichen Untersuchungen, bei denen sich die Gefangenen nackt ausziehen mussten und begrapscht wurden. Die Strafen in Hoheneck waren drakonisch: Arrest in der Dunkelzelle mit Wasser und Brot gab es schon für geringste Vergehen.“

Zur Eröffnung der Ausstellung kamen gut 100 Interessierte. Elke Schlegel erzählte ihnen in bewegenden Worten vom DDR-Knast: „Wir Gefangenen waren zusammengepfercht wie Tiere. Die Zellen waren mit bis zu 40 Frauen belegt. Wir teilten sie mit ehemaligen KZ-Aufseherinnen und Kriminellen.“ Elke Schlegel wuchs in der DDR auf, arbeitete in Jena als Hotelfachfrau. Sie, ihr Freund und ihr Sohn beantragten 1983 die Ausreise aus der DDR. 1984 wurden sie und ihr Freund von der Stasi verhaftet, später als Staatsfeinde zu eineinhalb Jahren Haft verurteilt. Man warf Elke Schlegel vor, dass sie mit einem Freund in Neuwied telefoniert hatte – und über ihren Ausreiseantrag sprach.

Zu den Gästen der Ausstellungseröffnung gehörte auch der Koblenzer Oberbürgermeister. Joachim Hofmann-Göttig (62), der in Leipzig geboren wurde, kritisierte, dass die DDR das Gefängnis Hoheneck wie zuv1125703or das Dritte Reich zur Inhaftierung von Oppositionellen nutzte. „Mit welcher Schamlosigkeit das DDR-Regime dort eine Politik fortsetzte, die unter Adolf Hitler begonnen hatte, ist mir völlig unverständlich.“

Nach fünf Monaten und 24 Tagen Haft wog Elke Schlegel nur noch 38 Kilogramm. Dann kaufte der Westen sie frei.  Sie durfte ausreisen, ihr Freund und ihr Sohn kamen nach. Schlegel will mit der Ausstellung die Menschen sensibilisieren – für den Unterschied zwischen Diktatur und Demokratie.

Quelle: Rhein Zeitung, Hartmut Wagner, 20.03.2014


Torturen, die das ganze Leben prägen

11. November 2013

Ihr neues Buch „Wo sind die Toten von Hoheneck?“ hat Ellen Thiemann kürzlich in der Kreisvolkshochschule Hildburghausen vorgestellt. Lebendig und nachvollziehbar berichtete die Journalistin von den Torturen, die viele Frauen im berüchtigten Frauengefängnis Hoheneck versehrt haben.

Quelle: FW, 11. 11.2013. Ganzer Artikel hier


„Der dunkle Ort“ – Ausstellung demnächst in Pforzheim

6. August 2013

Ab dem 25. September 2013 wird die Ausstellung „Der dunkle Ort“ in Pforzheim zu sehen sein.  Die Ausstellung beleuchtet die Zustände im Frauenzuchthaus Hoheneck und zeigt anhand von 25 unterschiedlichen Lebensgeschichten exemplarisch, wie es Frauen in diesem Gefängnis ergangen ist. 25 ehemalige, aus politischen Gründen Inhaftierte haben sich dem Fotografen Dirk von Nayhauß und der Autorin Maggie Riepl anvertraut, die zum Thema auch ein Buch („Der dunkle Ort“) veröffentlicht haben.

Alle Interessenten & ehemaligen Hoheneckerinnen sind herzlich eingeladen!

Organsiert wird die Ausstellung von der Stiftung ‚Lernort Demokratie – das DDR-Museum Pforzheim‘. Frau Kipfer, die Vorstandsvorsitzende des Stiftungsbeirates hat diese Ausstellung nach Pforzheim geholt.
Weitere Informationen hier:
Flyer S. 1
Flyer S. 2

Protest gegen Lesung in Leipzig

14. März 2013

Im Vorfeld einer Lesung von Jana Döhring und Ilko-Sascha Kowalczuk  am 15. März in Leipzig (ab 20 Uhr in der Gedenkstätte Museum in der Runden Ecke, Dittrichring 24) kam es in letzter Zeit zu Protesten ehemaliger politischer Gefangener. Worum geht es? Frau Döhring, „Stasiratte“ nach eigenem Bekunden, hat ein Buch mit dem Titel „Stasiratte“ über ihre IM-Tätigkeit veröffentlicht und wird es anlässlich der Leipziger Buchmesse vorstellen. Dass dies in den Räumen der Gedenkstätte „Museum in der Runden Ecke“ geschieht, ist sehr umstritten, bietet es Tätern doch damit unverständlicherweise eine Plattform, um im Selbstmitleid zu schwelgen und ihr Buch zu promoten. Dies wird u.a. vom Frauenkreis der Hoheneckerinnen ausdrücklich abgelehnt. In einem offenen Brief  an das Staatsministrium für Kultur und Medien wird der Protest näher erläutert. Wer sich den Unterzeichnern anschliessen will, kann dies gern tun.                            [bs, 14.03.2013]

Brief hier: Protest


Ausstellung in der hessischen Landeszentrale beleuchtet bis zum 31. Januar die Zustände in Hoheneck

7. Dezember 2012

(Ausstellungseröffnung  Das Frauengefängnis Hoheneckaja). Bautzen, das Zuchthaus der DDR, und die brutalen Zustände, die dort herrschten, sind vielen geläufig. Das Frauengefängnis Hoheneck hingegen ist nur wenigen Menschen ein Begriff, obwohl dort Tausende von Frauen unter unwürdigen Bedingungen in den Jahren 1949 bis 1989 gefangen gehalten wurden. Eine Ausstellung in der hessischen Landeszentrale beleuchtet bis 31. Januar 2013 die Zustände im Gefängnis und zeigt exemplarische Lebensgeschichten dort inhaftierter Frauen.

25 ehemalige Inhaftierte haben sich dem Fotografen Dirk von Nayhauß und der Autorin Maggie Riepl anvertraut. Neun von ihnen waren bei der Ausstellungseröffnung zugegen, die Jutta Fleck („Die Frau vom Checkpoint Charlie“) vornahm. Sie ist seit 2009 Leiterin eines Dokumentationszentrums und Ansprechpartnerin für Zeitzeugen des SED-Unrechtsregimes, eines Projektes der HLZ. Hessen, so HLZ-Direktor Bernd Heidenreich, sei Vorreiter bei der Aufarbeitung der SED-Diktatur. Die Ausstellung schaffe es, Geschichte persönlich erlebbar zu machen und die Betrachter spüren zu lassen, welches Unrecht an den Menschen verübt wurde. Ihr einziges „Verbrechen“ bestand meist darin, dass sie die DDR verlassen wollten, Kontakt zu Westdeutschen hatten oder einfach ihre Meinung offen äußerten.

So wurde zum Beispiel die 1937 geborene Ellen Thiemann 1972 wegen „geplanter Republikflucht und staatsfeindlicher Verbindungsaufnahme“ zu zwei Jahren in Hoheneck verurteilt. Auch unter Folter verriet sie die Beteiligung ihres Mannes nicht, der sich später als Stasi-IM herausstellte. Petra Koch, geboren 1960, macht 1982 einen Fluchtversuch von der damaligen Tschechoslowakei nach Österreich, der scheitert und auch sie ins Zuchthaus bringt. Sie wird von der Bundesrepublik freigekauft. Catharina Mäge, Jahrgang 1956, wurde ebenfalls wegen „versuchter Republikflucht“ für ein Jahr in Hoheneck inhaftiert.

Die Zustände in dem Gefängnis waren entsetzlich. Für 600 Häftlinge vorgesehen, mussten teilweise bis zu 1600 Frauen dort unter hygienischen und psychologischen Extrembedingungen ausharren. Kriminelle und die „Politischen“ wurden gemeinsam inhaftiert. Viele wurden mit Psychopharmaka ruhiggestellt. Sie mussten im Akkord arbeiten, zum Beispiel Bettwäsche nähen, die in westlichen Kaufhäusern landete.

Die Autoren des Buches „Ein dunkler Ort“, das mit Unterstützung der Bundesstiftung zur Aufarbeitung der SED-Diktatur gedruckt wurde und in der HLZ kostenlos erhältlich ist, schildern diese Schicksale mit Daten und Dokumenten, die erschüttern. Die Ausstellung zeige, so Bernd Heidenreich, „dass Freiheit ein Wert ist, der nicht selbstverständlich ist, sondern für den wir aktiv eintreten müssen – jeden Tag“.

Quelle: Wiesbadener Kurier, 6.12.2012


Ikea-Möbel sollen in DDR-Gefängnissen produziert worden sein

3. Juni 2012

Dem schwedischen Möbelhändler wird vorgeworfen, in DDR-Gefängnissen produziert zu haben. Die Konzernverantwortlichen sind schockiert und wollen Aufklärung.

Es ist kalt und dunkel. Kein Kontakt, kein Buch, kein Blatt Papier, nur eine Pritsche und ein Klo. Birgit Schlicke beschreibt die Arrestzelle im DDR-Frauengefängnis in Hoheneck in Sachsen. „Wer nicht arbeiten wollte, kam sofort in die Isolationshaft“, sagt die 43-Jährige im Gespräch mit unserer Zeitung. Für Schlicke und die etwa 500 Frauen in Hoheneck bedeutete das Nähen im Akkord. 287 Bettbezüge in acht Stunden war die Vorgabe.

Geld gab es kaum. 1989 endete die Haft für die politische Gefangene Schlicke. Doch bereits ein Jahr später wurde sie von ihrer Vergangenheit eingeholt: Sie fand ihre Bettwäsche wieder – in einem Neckermann-Katalog.

Auch Neckermann sieht sich Vorwürfen ausgesetzt

Der Versandhändler ist kein Einzelfall. Mehreren Westunternehmen wird 23 Jahre nach dem Mauerfall vorgeworfen, an der Zwangsarbeit von DDR-Häftlingen verdient zu haben. Sie sollen billige Waren aus dem Nachbarstaat bezogen und sie günstig im Westen verkauft haben. Neben Neckermann sieht sich auch Ikea mit solchen Vorwürfen konfrontiert.

Die Diskussion war durch eine schwedische Fernsehdokumentation angestoßen worden. Die Journalisten hatten berichtet, dass im „Zuchthaus“ Waldheim in Sachsen Teile für Ikea-Sofas hergestellt worden waren. Auch das berühmte Billy-Regal sei teilweise „made in GDR“ (die englische Übersetzung für DDR). Teile für Bürostühle sollen ebenfalls in Ostdeutschland entstanden sein. Das berichtet Alexander Arnold. Er war 1983 elf Monate im Gefängnis in Naumburg an der Saale inhaftiert, weil er Flugblätter gegen die Aufrüstung mit Atomwaffen in Ost und West verteilt hatte. Er arbeitete in der etwa 20 Minuten entfernten Firma Mewa. Arnold erinnert sich: „Die Arbeitsbedingungen waren schrecklich.“

Schreckliche Arbeitsbedingungen

In der fensterlosen Halle mussten die Insassen an veralteten Stanzmaschinen von 1912 schuften. Arnolds Stimme stockt, wenn er erzählt, dass jegliche Sicherheitsvorkehrungen abgebaut waren, damit die Maschinen mehr Stückzahl bewältigten. „Die Zivilmeister haben uns gesteckt, dass wir für Ikea arbeiten“, sagt Arnold. „Wer unter 80 Prozent des Solls lag, galt als Saboteur“, erinnert er sich. „Der kam zehn Tage in die sogenannte Mumpe.“ Das waren Dunkelzellen im Keller. Wer die Arbeit gar verweigerte, wurde in das Dachgeschoss gesperrt. Was dort passierte, weiß der 51-Jährige nur aus Erzählungen: Dort lag man an Händen und Füßen ans Bett gefesselt, 23 Stunden am Tag, angezogen mit einem speziellen Overall. „Dreimal am Tag wurde man dann für 20 Minuten losgelassen, in denen man essen, sich waschen und auf die Toilette durfte, wenn man es denn schaffte, das neben den Schließern zu erledigen. Der Overall war für die, die es nicht schafften und dann in ihren eigenen Fäkalien liegen mussten.“

Ikea-Führung will Aufklärung

Die Ikea-Verantwortlichen sind über diese Schilderungen schockiert. Der Konzern reagiert und Ikea-Sprecherin Sabine Nold kündigt an, die Nachforschungen, die zu diesem Thema ohnehin laufen, zu beschleunigen: „Wir nehmen das Thema sehr ernst.“ Allerdings werde das Unternehmen hauptsächlich mit Behauptungen konfrontiert. Handfeste Beweise gebe es bislang kaum. Die Bundesbehörde für Stasi-Unterlagen bestätigt, dass Ikea eine Anfrage gestartet hat: „Ikea nimmt hier klar eine Vorreiterrolle ein“, sagte eine Sprecherin.

Auch Neckermann will aufklären. Der Versandhändler räumt zwar ein, zu DDR-Zeiten Waren verschiedenster Art, wie Spielzeug, Möbel und Textilien, von DDR-Lieferanten bezogen zu haben. Allerdings betont Neckermann-Sprecherin Anne Putz: „Über die Produktionsbedingungen und die Herkunft der Waren lagen nach jetzigem Sachstand damals keine Informationen vor.“

Ex-Hoheneck-Gefangene Birgit Schlicke sagt hingegen, dass den meisten Insassen bewusst gewesen sei, dass die Bettwäsche nicht für die DDR bestimmt war. Schlicke erinnert sich: „Wir wussten ja, was es in den Geschäften im Osten gab. Und die Bettwäsche, die wir hergestellt haben, war viel bunter und das Material viel hochwertiger als in der DDR.“

Auch ein CDU-Politiker war unter den Zwangsarbeitern. Dieter Dombrowski und die etwa 1300 hauptsächlich politisch Inhaftierten im Gefängnis in Cottbus stellten für den volkseigenen Betrieb (VEB) Pentacon Gehäuse von Praktica-Kameras her. Der heutige CDU-Generalsekretär Brandenburgs saß von April 1974 bis Dezember 1975 in Haft, weil er versucht hatte, die DDR zu verlassen. 20 Ostmark habe er damals im Schnitt pro Monat verdient. Das entspricht heute ungefähr drei Euro. Die Gefangenen mussten auch mit minderwertigem Werkzeug und schlechten Sicherheitsvorkehrungen zurechtkommen. Die Zwangsarbeit war ein sehr lukratives Geschäft: „Die Gewinnspannen der Westunternehmen waren exorbitant hoch“, ist sich Dombrowski sicher. Dass in Cottbus Häftlinge für die VEB Pentacon produzieren mussten, ist von Historikern belegt. Darauf verweist auch der heutige Nachfolger des Betriebs: Die 1997 neu gegründete Pentacon GmbH. Ein Sprecher sagt: „Wir bedauern das Schicksal der Betroffenen.“ Er stellt jedoch klar: „Wir sind allerdings nicht Rechtsnachfolger der damaligen VEB Pentacon.“

Zehntausende politische Gefangene saßen in Haft und arbeiteten

Zehntausende politische Gefangene saßen einst in DDR-Gefängnissen und arbeiteten. So hoch schätzt der Geschäftsführer der Internationalen Gesellschaft für Menschenrechte, Karl Hafen, diese Zahl. Etwa 30 000 hat die Bundesrepublik seit 1968 aus der DDR freigekauft. Die Gesellschaft hat sie betreut. Dass Zwangsarbeiter auch Produkte hergestellt haben, die später in Westdeutschland verkauft wurden, war bekannt. Allerdings: „Wir hatten damals andere Sorgen. Wir wollten die Leute da rauskriegen“, sagt Hafen. Den Betroffenen geht es nicht um Geld, sondern um Aufklärung und eine Entschuldigung. Für sie ist klar, dass sie ausgebeutet wurden. „Ich war rechtswidrig inhaftiert und bin zur Arbeit gezwungen worden“, sagt Dombrowski. „Die Arbeit war zwar Zwang, aber der einzige Auslauf“ aus der 44 Quadratmeter großen Zelle, in der 28 Männer untergebracht waren. Und immer noch besser als die Alternative: Isolationshaft in einer kalten, dunklen Arrestzelle.

Quelle: Augsburger Allgemeine Zeitung, Daniela Deeg, 2. Juni 2012


„Das Unrecht verfolgt mich – bis an mein Lebensende“

17. März 2012

Ein warmer Sommertag im August 1985. Eine Frau eilt über den überfüllten Bahnhof Friedrichstraße. Sie ist aufgeregt, immer wieder sucht sie mit ihren Blicken den Bahnsteig ab. Dann endlich bringt ihn das Deutsche Rote Kreuz, ihren Thomas.

Der Sechsjährige verschwindet fast hinter dem Riesenteddy, einem Geschenk seiner Mutter. Zweieinhalb Jahre hat Monika Schneider ihren Sohn nicht gesehen. Etwas über drei war er, als sie wegen versuchter Republikflucht ins Gefängnis kam.

Im Januar 1983 wird Monika Schneider in Prag verhaftet. Die Ostberlinerin hat sich dort mit ihrem Freund aus dem Westen getroffen, der sie zur Flucht überreden will. Ihr Arbeitskollege, ein Stasispitzel, hat die Pläne verraten. Das Gericht in Frankfurt/Oder verurteilt Monika Schneider zu zwei Jahren und sechs Monaten Haft. Im April 1984 kommt sie nach Hoheneck, in das berüchtigte Frauenzuchthaus der DDR. In der mächtigen Burg, hoch über dem kleinen sächsischen Städtchen Stollberg gelegen, sind politische Gefangene zusammen mit Kriminellen inhaftiert. Es ist kalt, die Zellen sind überfüllt, die sanitären Verhältnisse katastrophal. Für zwölf Frauen gibt es eine Toilette und drei Waschbecken. Das Essen ist karg: dünne Kohl- oder Möhrensuppe, gebratenes Blut, die Kartoffeln verschimmelt. Und die Frauen müssen hart arbeiten: in der Gefängnisnäherei zum Beispiel. Wer die Vorgaben – pro 8-Stunden-Schicht 287 Bettbezüge, bei den Kopfkissen liegt die Tagesnorm bei über 600 Stück – nicht erfüllt, bekommt nur ein paar Pfennige bezahlt. Wer die Arbeit verweigert, landet im Arrest, den berüchtigten dunklen, eiskalten Einzelzellen im Keller, in denen es nur Wasser und Brot gibt. Und die „Politischen“ landen dort noch ein bisschen häufiger als die anderen Inhaftierten, denn für das Wachpersonal sind sie die unterste Stufe der Gefängnishierarchie. Sie werden am schlechtesten behandelt.

Doch schlimmer noch als die Haftbedingungen ist für Monika Schneider die Ungewissheit, was mit ihren Kindern passiert ist. Sie erfährt schließlich, dass ihr älterer Sohn Dirk (damals 8) bei ihren Eltern lebt. Thomas, der Kleinere, ist in ein Heim gebracht worden. Die Gefängnisleitung fordert Monika Schneider auf, die Kinder zur Adoption freizugeben. Sie sollen bei Systemtreuen eine sozialistische Erziehung bekommen. Die gelernte Industrieschneiderin lehnt ab.

Übergabe auf dem Bahnhof

Als sie Anfang 1985 in Abschiebehaft kommt, stellt sie sofort einen Ausreiseantrag für ihre Kinder. Doch Dirk darf die DDR nicht verlassen. Die Großeltern erhalten das Erziehungsrecht. Thomas wird ihr vier Monate später vom Deutschen Roten Kreuz in der Friedrichstraße übergeben. „Ich habe ihn auf dem Bahnhof sofort erkannt, er mich nicht“, erinnert sich die 56-Jährige, die heute als Sachbearbeiterin am Gericht arbeitet. „Zuhause hat er dann ganz still bei mir auf dem Schoß gesessen und mich mit großen Augen angeschaut und – ich habe nur geheult.“

Thomas Jährling hat über seine Zeit in dem Kinderheim bei Bautzen nie geredet, mit seiner Mutter sowieso nicht. „Bringt das was? Das ist Vergangenheit, und die kann ich nicht ändern“, sagt der inzwischen 32-Jährige, der als Trockenbauer in Berlin arbeitet. Seiner Mutter hat er keine Vorwürfe gemacht, obwohl sie mit dem Fluchtversuch riskiert hat, dass er und sein Bruder Dirk ins Kinderheim kommen. Was er allerdings bis heute nicht versteht, ist, dass sein Bruder bei den Großeltern leben durfte und er im Heim sein musste. Dort herrschten strenge Regeln, und es wurde auch geprügelt, erzählt er.

Monika Schneider, die mit ihrem zweiten Mann in Reinickendorf wohnt, weiß nicht, ob sie die geplante Flucht wirklich durchgezogen hätte. „Und wäre es alles anders gewesen, wenn ich nicht verhaftet worden wäre?“ Eine Frage, die niemand beantworten kann. Auch wenn Thomas sagt: „Auf meine Mama lass‘ ich nichts kommen“, war das Verhältnis der beiden über Jahre schwierig. „An Thomas war kein Rankommen. Ich wusste nie, was er wirklich denkt“, berichtet Monika Schneider. „Er hat immer nur das gesagt, was wir hören sollten.“ Es gab Probleme in der Schule, in der Lehre, später einen Riesenkrach. Worum es ging, darüber wollen Mutter und Sohn heute nicht mehr sprechen. Danach hat sie Thomas, obwohl er nur um die Ecke wohnte, ein Jahr nicht gesehen. Inzwischen sind sie versöhnt.

Dirk, ihren Großen, sah sie erst sechs Jahre später, nach dem Mauerfall, wieder. „Plötzlich stand er vor meiner Tür, wir sind uns um den Hals gefallen. Es war wie in einem Hollywood-Film“, sagt Monika Schneider. Ein Mutter-Sohn-Verhältnis haben sie allerdings nicht: „Wir sind eher gute Kumpels.“ Heute lebt Dirk mit seiner Familie in der Schweiz.

Tausende Frauen waren von 1950 bis 1989 als „Politische“ in Hoheneck inhaftiert. Viele Familien sind dadurch und danach zerbrochen. So wie bei Anita Goßler. Die heute 78-Jährige wird im Mai 1953 zu fünf Jahren verurteilt, weil ihr Freund eine alte Pistole hat. Waffenbesitz ist in der DDR verboten. Nach der Verhaftung kommt Anita Goßler fünf Monate in Einzelhaft, wird immer wieder verhört. Die 20-Jährige glaubt schwanger zu sein, doch eine ärztliche Untersuchung wird ihr verweigert. Einige Monate später bekommt Anita Goßler im Gefängniskrankenhaus in Leipzig-Meusdorf eine Tochter – Ute.

Als Anita Goßler im Februar 1954 nach Hoheneck gebracht wird, muss sie ihr Kind zurücklassen – wie die anderen verurteilten 19 Frauen, die in Meusdorf ein Kind geboren haben. Ute kommt in ein Kinderheim, ihre Mutter wird aufgefordert, ihre Tochter zur Adoption freizugeben. Anita Goßler lehnt ab. Ihre Strafe: die berüchtigte Wasserzelle in Hoheneck. Dort stehen die Frauen barfuß in einem düsteren Raum, eiskaltes Wasser kommt aus Düsen im Boden. Das Wasser steigt und steigt, erst nach einer Weile läuft es wieder ab. Und irgendwann kommt die nächste Welle.

Nach der vorzeitigen Entlassung im September 1956 beantragt Anita Goßler Familienzusammenführung mit ihrer Mutter, die inzwischen im Westen lebte. Sie heiratet ihren Freund Günther. Gemeinsam versuchen sie ab 1957 immer wieder, mit Hilfe des Deutschen Roten Kreuzes nach Ute zu suchen. Sie erfahren, dass das Mädchen inzwischen bei dem Heimleiter-Ehepaar lebt.

In den kommenden Jahren bekommen Anita und Günther Goßler vier weitere Töchter. Ute lehnt es immer ab, zu den Eltern nach West-Berlin zu gehen. Als sie 18 wird und damit volljährig, gibt es keine rechtliche Grundlage mehr für eine Familienzusammenführung. Erst 1992 kommt es zu einem Treffen der beiden Frauen in Leipzig. Ute, inzwischen 39, begegnet ihrer Mutter mit großer Ablehnung. „,Glaub‘ bloß nicht, dass ich dich Mutti nenne‘ waren ihre ersten Worte“, berichtet Anita Goßler, „und ich habe ihr geantwortet: ,Das brauchst du doch auch nicht, aber wir können doch Freunde werden.'“ „Das glaube ich nicht“, sagte Ute. Und geht.

Anita Goßler kämpft mit den Tränen, während sie mit leiser Stimme weiter erzählt. Immer wieder versuchte sie ihrer Tochter zu erklären, dass sie unschuldig im DDR-Gefängnis war. Doch das will Ute nicht akzeptieren. „Wer in der DDR nichts verbrochen hatte, ist auch nicht eingesperrt worden, das war ihre Meinung. Die sozialistische Erziehung hat eben gut funktioniert“, sagt Anita Goßler. Selbst die spätere Rehabilitierung der Mutter kann Ute nicht überzeugen. Auch die Versuche der anderen Goßler-Töchter, mit der großen Schwester Kontakt aufzunehmen, verlaufen im Sande. 2006 schreibt Anita Goßler an Ute, dass sie ihre Stasi-Akte beantragen will. Seitdem ist der Kontakt gänzlich abgebrochen. Ihre Mutter weiß nur, dass sie inzwischen auch eine Tochter hat und geschieden ist. Was Anita Goßler dann sagt, klingt hart. Es passt so gar nicht zu dieser sanften Frau, und doch macht ihre Lebensgeschichte den Satz verständlich: „Ich hätte der Adoption damals zustimmen sollen, dann hätte ich die Vergangenheit abschließen können. So verfolgt mich das Unrecht der DDR – bis an mein Lebensende.“

Hannelore Höfelmayr und ihre Tochter Ina Jaekel haben mehr Glück, wenn man in so einer Situation überhaupt von Glück reden kann. Sie sind gemeinsam in Hoheneck inhaftiert und kommen zusammen in eine Zelle. Höfelmayrs, die in Thüringen leben, schmieden jahrelang Fluchtpläne. Sie fühlen sich in der DDR unfrei und bevormundet. Sie wollen allerdings warten, bis Ina und ihr Bruder alt genug sind, so dass sie nicht in einem DDR-Kinderheim landen, wenn die Flucht scheitert. 1983 versuchen Höfelmayrs schließlich, einen Weg über die grüne Grenze in der CSSR zu finden. Erfolglos. Danach sprechen sie bei der österreichischen Botschaft in Ost-Berlin vor und erfahren, dass sie einen Ausreisantrag brauchen. Am 21. März stellen sie in Eisenach den Antrag – im März 1984 wird die gesamte Familie verhaftet.

In der U-Haft hört Hannelore Höfelmayr ihre 18-jährige Tochter in der Zelle gegenüber weinen und schreien. “ Lasst mich zu ihr“, bittet sie. Doch die Wächterin herrscht sie an: „Du Rabenmutter, hast dein Kind in den Knast gebracht und nu winselst du.“ Wegen versuchter Republikflucht wird Hannelore Höfelmayr im Juli zu einem Jahr und sechs Monaten verurteilt, ihr Mann zu einem Jahr und neun Monaten, Ina zu einem Jahr, der Sohn zu acht Monaten.

Kurz darauf kommen Mutter und Tochter nach Hoheneck. „Es war ein Geschenk des Himmels, dass ich mit meiner Mutter zusammen sein konnte“, erzählt Ina Jaekel. „Ich war noch so naiv und diese ganze finstere Szenerie in Hoheneck machte mir unendlich viel Angst.“ Ihre Mutter erlebt die heute 46-Jährige, inzwischen selbstständige Unternehmerin in Potsdam, als mutig und selbstbewusst, „so wie ich sie immer kannte.“ Auch Hannelore Höfelmayr hat Angst. Aber sie lässt es sich nicht anmerken. Sie will stark sein, für ihre Tochter. „Meine größte Sorge war immer, dass Ina und ich getrennt werden“, sagt die heute 65-Jährige, die als Rentnerin in Charlottenburg lebt. Mutter und Tochter haben noch einmal Glück. Sie werden nach wenigen Monaten im Zuchthaus vom Westen freigekauft. Die Haft hat sie zusammengeschweißt. Beide reden auch danach immer wieder über Hoheneck, das tut ihnen gut. Die Männer der Familie haben dieses Glück nicht. „Sie haben die Zeit des Eingesperrtseins nie verarbeitet“, sagt Ina Jaekel. Letztlich ist die Ehe ihrer Mutter zwei Jahre später an dieser Sprachlosigkeit zerbrochen.

Mehr über die Schicksale ehemaliger Hoheneckerinnen und ihrer Familien lesen Sie in „Der dunkle Ort – 25 Schicksale aus dem DDR-Frauengefängnis Hoheneck“ von Dirk von Nayhauß und Maggie Riepl, Be.Bra Verlag, 19,95 Euro. Bis zum 3. April ist in der Heinrich Böll Stiftung, Schumannstraße 8 in Mitte, die begleitende Ausstellung „Das Frauengefängnis Hoheneck“ zu sehen. Mo. bis Fr. 8 bis 18 Uhr, Eintritt frei.

Quelle: Berliner Morgenpost / Maggie Riepl, 10.3.2012


Buchpremiere & Eröffnung der Ausstellung

15. März 2012

Leider ein wenig verspätet, aber ich wollte noch kurz von der Buchpremiere am 1.3.2012 in Berlin berichten bzw. einige Fotos posten…

Die Veranstaltung in der Heinrich-Böll-Stiftung war gut besucht. Es waren viele ehemalige politische Gefangene vor Ort, ferner Journalisten, Historiker und auch Roland Jahn, Bundesbeauftragter für die Stasiunterlagen, habe ich im Publikum gesehen. – Zunächst gab es diverse einführende Worte vom Verlag, von der Heinrich-Böll-Stiftung und von der Stiftung Aufarbeitung. Anschliessend führte eine Moderatorin durch eine Podiumsdiskussion, bei der zwei ehemalige Hoheneckerinnen – Ellen Thiemann und Catharina Mäge – sowie die Buchautoren Dirk von Nayhauß und Maggie Riepl zu verschiedenen Themen befragt  wurden.

Das vorgestellte Buch ist ein eindrucksvoller Bildband, der 25 Schicksale beschreibt: 25 Frauen, die alle zu verschiedenen Zeiten in Hoheneck inhaftiert waren, berichten in eigenen Worten über ihre Haftzeit im berüchtigten Frauenzuchthaus. Zusätzlich zu den Berichten gibt es beeindruckende Haftdokumente und exzellente Portraitfotos von Dirk von Nayhauss.

Nach der Buchvorstellung wurde dann die Ausstellung im Untergeschoss des Stiftungsgebäudes eröffnet, die ausreichend Gelegenheit zu persönlichen Gesprächen bot, denn ca. 16 der 25 portraitierten Frauen waren an diesem Abend anwesend und gaben bereitwillig Auskunft.

Die Ausstellung ist als Wanderausstellung konzipiert und kann auf Anfrage in anderen Städten gezeigt werden. In Berlin ist sie noch bis zum 4. April 2012 zu besichtigen.

Viele der im Buch portraitierten Frauen waren an diesem Abend nach Berlin gekommen

Ehemalige Hoheneckerinnen...

Ausstellung in der Heinrich-Böll-Stiftung Berlin

Als Wanderausstellung konzipiert, wäre es wichtig, dass diese Ausstellung auch in anderen Bundesländern gezeigt wird. Sachsen und Mecklenburg-Vorpommern haben schon Interesse bekundet...


Buch

27. Februar 2012


„Aufklärung kennt keinen Schlussstrich“

25. Februar 2012

Roland Jahn, Bundesbeauftragter für die Stasi-Unterlagen, spricht über den Stolz der Ostdeutschen auf das vor 20 Jahren verabschiedete Stasiunterlagengesetz – und die 68er der DDR.

DasStasiunterlagengesetz ist eines der wenigen Dinge, die in das gemeinsame Land übernommen wurden. Warum sind die Ostdeutschen trotzdem nicht stolz darauf?

Das sehe ich nicht so. Ostdeutsche sind auch darauf stolz. Das Stasiunterlagengesetz ist eine Erfolgsgeschichte. Erstmalig in der Welt wurden die Akten einer Geheimpolizei offengelegt. Und das in einem Verfahren, das eine rechtsstaatliche Basis hat.

Aber viele Ostdeutsche haben das Gefühl, sie werden von diesem Stasiunterlagengesetz zu Mittätern gestempelt.

Das Gesetz stempelt niemanden ab. Es schafft Transparenz und regelt den Zugang zu den Akten. Wenn Millionen Menschen durch diese Akten erfahren haben, wie in ihr Leben eingegriffen worden ist, dann kann man sagen, es ist gut, was die Ostdeutschen hier erreicht haben. Wir alle erfahren, wie die Diktatur in der DDR funktioniert hat durch den Blick in diese Stasiakten. Die Überprüfungen auf frühere Stasitätigkeit im öffentlichen Dienst haben dazu beigetragen, dass mehr Vertrauen in die Behörden hergestellt worden ist.

Viele sind dieser Debatte ein wenig müde. War es ein Fehler, dass zu sehr nur auf IM geschaut wurde?

Insgesamt ist es ein Problem, dass die Aufarbeitung der Diktatur immer mit dieser Fixierung auf die Staatssicherheit verknüpft war. Das hat zu einer Schieflage beigetragen. Wir müssen weiter blicken. Schließlich war die SED der Auftraggeber für die Stasi. Wir müssen mehr schauen, wie der Alltag der Diktatur funktioniert hat, und wer die Verantwortlichen waren.

An welchen Stellen hätte die öffentliche Debatte in den vergangenen 20 Jahren anders laufen können?

Ich würde mir wünschen, dass diejenigen, die in der DDR Verantwortung getragen haben, sich offener der Debatte stellen. Ich wünsche mehr Bekenntnis zu ihrer Biografie und Übernahme individueller Verantwortung.

Die Täter bekennen sich zu ihrer Biografie, sie wollen sie bloß nicht kritisch sehen.

Selten, und dann ist das meist kein Bekenntnis zu ihrer Biografie. Fast alles, was aus dieser Richtung gekommen ist, ist kein Hinterfragen, sondern das ist Rechtfertigung. Die Toten an der Mauer sind aber beispielsweise durch nichts zu rechtfertigen. Ich wünsche mir ein Anerkennen des prinzipiellen Unterschieds zwischen Demokratie und Diktatur. Die damals Verantwortlichen genießen heute die Vorteile des Rechtsstaates: Sie können sich frei versammeln, sie können Bücher veröffentlichen, sie können ihren Urlaub auf Gran Canaria verbringen. Aber sie sollen bitte diese Vorzüge von Meinungsfreiheit, Versammlungsfreiheit und Reisefreiheit auch mal als solche benennen. Denn diese haben sie den Menschen in der DDR vorenthalten.

Hat nach 20 Jahren die Phase der Aufklärung und Wiedergutmachung für die Opfer ein Ende gefunden?

Nein. Zeit heilt nicht alle Wunden. Es gibt, das zeigen Studien, Retraumatisierungen bei den Opfern. Ich erlebe in meinen Bürgersprechstunden, wie Menschen bis heute unter dem leiden, was sie in der DDR erlebt haben. Es geht darum, die Empfindungen der Opfer ernst zu nehmen und auch Zeichen zu setzen. Der Besuch des Bundespräsidenten im Mai des Jahres im Frauen-Zuchthaus Hoheneck, als er dort auf die ehemaligen Insassinnen traf, das war ein kleiner symbolischer Akt und eine große Hilfe für diese Frauen. Den Opfern solche Zeichen der Solidarität zu geben, ist wichtig für die Aufarbeitung des Unrechts.

Sind Sie hauptsächlich Aufklärer oder Anwalt der Opfer?

Ich bin Bundesbeauftragter für die Stasiunterlagen. Mein gesetzlicher Auftrag ist: Aufarbeitung mithilfe der Stasiakten zu gewährleisten. Ich bin nicht Sprecher der Opfer, aber ich bin natürlich für die Opfer da.

Sollten Sie als Bundesbeauftragter nicht für alle da sein?

Ich bin für alle da. Für jeden, der in die Akten schauen will. Aufarbeitung heißt für mich, auch den Opfern gerecht zu werden. Sie haben es noch heute nicht leicht, Wiedergutmachung zu erfahren. Die Akten können helfen: Sie verschaffen den Opfern Genugtuung, sie liefern Dokumente für ihre Rehabilitierung, und sie geben ihnen einen Teil der Biografie zurück, die die Stasi ihnen gestohlen hat.

Herr Jahn, Sie sind als Versöhner angetreten. Nun heftet Ihnen das Etikett der Unversöhnlichkeit an. Was ist da schiefgelaufen?

Etiketten werden heute schnell verteilt. Ich weiß nur, dass ich zur Versöhnung beitragen möchte, durch Aufklärung. Denn es kann nur das vergeben werden, was man weiß. Und es kann nur dem vergeben werden, den man kennt. Aufklärung ist die Voraussetzung für Versöhnung.

Ist es Beitrag zur Versöhnung, wenn man gut 40 ehemalige Stasimitarbeiter per Gesetzesnovelle aus der Behörde entfernt, obwohl sie sich in 20 Jahren Arbeit nichts zuschulden kommen ließen?

Sie sollen ja nicht entlassen, sondern in andere Bundesbehörden versetzt werden, ein Vorgang, der normal ist im öffentlichen Dienst. Es geht in der Sache nicht darum, Menschen zu bestrafen, sondern Menschen zu helfen. Es ist eben für Opfer schwer erträglich, dass gerade in der Behörde, die Stasimachenschaften aufklärt und Opfern Einsicht in ihre Akten gewährt, ehemalige Mitarbeiter der Staatssicherheit arbeiten.

Aber die Mitarbeiter waren der Behörde von Anfang an bekannt, sie wurden ja teilweise gerade wegen ihres Insiderwissens eingestellt.

Das war schon immer strittig. Und aus meiner Sicht eine falsche Entscheidung. Das Fachwissen der Täter kann kein Grund für eine Festanstellung sein.

Wie können Sie zusammenarbeiten mit einem Beiratsvorsitzenden, der gänzlich anderer Meinung ist als Sie, was die Beschäftigung von ehemaligen Stasimitarbeitern angeht?

Richard Schröder, der Beiratsvorsitzende und ich, sind uns, mit dem gesamten Beirat, ja schon immer darüber einig, dass es eine schwere Belastung für die Behörde ist, dass ehemalige MfS-Mitarbeiter hier arbeiten. Darüber hat der Beirat im Mai auch noch mal eine öffentliche Erklärung abgegeben. Dass es unterschiedliche Wege zur Lösung des Problems gibt, gehört doch zur demokratischen Kultur. Das verhindert nicht, dass wir gut zusammenarbeiten.

Es gibt Vorwürfe, dass Sie damit den Rechtsstaat verbiegen. Robert Leicht spricht von „Bürgerrechthaberei“.

Wenn der Bundestag so ein Gesetz verabschiedet, tut er das wohlbegründet. Die Fachministerien haben das Gesetz geprüft. Der Bundesrat hat zugestimmt. Und ich hatte zusätzlich ein Rechtsgutachten in Auftrag gegeben, deshalb gehe ich davon aus, dass das Gesetz eine ausreichende rechtliche Grundlage hat.

Aber nach Versöhnung sieht es trotzdem nicht aus.

Entschuldigung, Versöhnung kann doch den Opfern nicht befohlen werden! Man muss die Opfer mitnehmen. Und das Gesetz ist ein deutliches Signal, dass man die Empfindungen derer, die unter der Stasi gelitten haben, ernst nimmt.

Totschlag verjährt nach 20 Jahren, Stasimitarbeit nie.

Wir sind hier nicht im Strafrecht. Es wird keiner bestraft, wir versuchen nur, einen Konflikt zu lösen. Auch Stasimitarbeitern soll vergeben werden, auch sie verdienen eine zweite Chance. Aber es geht immer um den Blickwinkel. Zuallererst müssen wir Menschen, die unter der Stasi gelitten haben, helfen. Es geht darum, ein Klima zu schaffen, das Versöhnung möglich macht.

Brauchen wir irgendwann einen Schlussstrich unter die ganze Debatte?

Schlussstriche stehen einer demokratischen Gesellschaft nicht gut zu Gesicht. Aufklärung kennt kein Ende.

Wie lange soll es Ihre Behörde eigentlich noch geben?

Es ist nicht entscheidend, welches Türschild draußen dransteht. Wichtig ist, dass die Akten weiter zugänglich sind. Und dass die authentischen Orte, an denen sinnlich erfahrbar wird, was die Stasi bedeutet hat, genutzt werden. Neben der Gedenkstätte Hohenschönhausen, dem ehemaligen Stasigefängnis, sollte auch dort, wo Mielke und die Zentrale der Staatssicherheit waren, ein Gedenkort sein. Eingebunden das Stasiarchiv, mit den vielen Millionen Akten, damit wir auch für nächste Generationen erfahrbar machen, was die Staatssicherheit war.

Wie kann man die junge Generation für die Stasiakten interessieren? Betroffen sind sie ja davon nicht.

Mit dem veränderten Gesetz wird es künftig einfacher, in die Akten verstorbener Angehöriger zu schauen. Darüber hinaus bleibt es wichtig, junge Menschen abzuholen bei ihrem eigenen Selbstverständnis. Wenn ich in Schulen vom Überwachungsstaat DDR berichte, kommt die Diskussion automatisch auf Bundestrojaner und auf möglichen Datenmissbrauch bei Facebook. Je klarer wir machen, was Unfreiheit bedeutet, desto eher können wir auf Gefahren für die Freiheit in unserer Gesellschaft hinweisen. Das Selbstbestimmungsrecht über die Daten darf nicht aufgehoben werden.

Wann gibt es in Ostdeutschland eine 68er-Bewegung?

Wir sind gerade am Beginn eines Dialoges zwischen den Generationen. Viele junge Menschen fragen ihre Eltern heute: Wie war das damals? Warum habt ihr mitgemacht? Was ist euch geschehen in der DDR? Warum wart ihr angepasst? Deshalb schauen übrigens auch viele Ältere in ihre Akten.

Aber die große Gesellschaftsdebatte zwischen Ost und Ost bleibt doch aus. Im Zweifel einigen sich alle Generationen darauf: Der Westen ist schuld.

Die Stasi ist keine Ostangelegenheit. Ich wünsche mir für ganz Deutschland, dass es nicht immer nur um Vorwürfe und Abrechnungen geht im Umgang mit der Vergangenheit. Ich möchte eine freie Debatte, in der Menschen offen reden und sich auch zu ihren Fehlern bekennen.

Quelle: Tagespiegel, Interview, Robert Ide und Gerd Nowakowski


DDR-Martyrium: „Es ist nicht vorbei“

10. November 2011
Meine Horrorjahre im Frauenknast der Stasi

Am 7. November geht Tatjana Sterneberg (59) durch die Hölle. In jedem Jahr. Heute vor 38 Jahren wurde sie verhaftet – weil sie liebte. Die gebürtige Lichtenbergerin wollte ihren Italiener, ihren Antonio Borzachiello heiraten und stellte einen Ausreiseantrag. Statt vor dem Altar landete sie im sächsischen Frauenzuchthaus Hoheneck, saß dort wie rund 8000 Andere unter menschenunwürdigen Bedingungen in Haft. Von ihren Erlebnissen und Verletzungen erzählt der ARD-Fernsehfilm „Es ist nicht vorbei“.

„Er spiegelt dass wieder, was wir Frauen in Hoheneck durchmachten“. Mit fester Stimme lobt Tatjana Sterneberg Film (Mittwoch, 20.15 Uhr) und Hauptdarstellerin Anja Kling (41) im KURIER-Gespräch. Doch ihre Gedanken schweifen ab ins Jahr 1973. Zu tief sind die Narben, die die Haft hinterließ.

Ohne, dass der Reporter nachhaken muss, erzählt die heute 59-Jährige von ihrem Martyrium. Als blutjunge Kellnerin im Hotel „Stadt Berlin“ (heute „Park Inn“) lernte sie den feurigen Antonio, damals 27, aus West-Berlin kennen – die Liebe schlug ein wie der Blitz. Schnell stand fest: Hochzeit sobald wie möglich, Tatjana stellte einen Ausreiseantrag – und wurde fortan von der Stasi überwacht. In der Geheimoperation „Hänsel und Gretel“ wurde sie über einen Lockvogel und dessen angeblichen Schleuser-Ring hereingelegt, wurde heute vor 38 Jahren in ihrer Wohnung verhaftet.

„Damit begann die schlimmste Zeit meines Lebens. Wegen „staatsfeindlicher Verbindungsaufnahme und Vorbereitung zum ungesetzlichen Grenzübertritt“ verurteilten sie Richter zu drei Jahren und acht Monaten Haft im Frauenknast Hoheneck. Für Sterneberg die Hölle auf Erden. Auf 24 Quadratmetern schliefen 24 Frauen in dreistöckigen Etagenbetten. „Zwei Toiletten mussten wir uns mit 48 Häftlingen teilen.“ Tatjana begann sich zu wehren, eckte immer wieder mit Wärterinnen an – Einzelhaft.

Quelle: Berliner Kurier, Markus Böttcher, 7.11.2011

 

 


Staatsfeind wegen der Liebe

19. September 2011

Tatjana Sterneberg wollte einen Italiener heiraten und landete dafür drei Jahre im Gefängnis

ORANIENBURG – Ein Italiener mit dem schönen Namen Antonio hatte es ihr angetan. Er war groß, sah gut aus und hatte Manieren. Zur ersten Verabredung schenkte er ihr Blumen. Doch es gab ein Problem. Tatjana Sterneberg lebte und arbeitete in Ost-Berlin, im Stadt-Hotel-Berlin, dem heutigen Park Inn. Antonio arbeitete in West-Berlin. Weil die DDR ihren Ausreiseantrag ablehnte, plante das Pärchen die Flucht in den Westen. Doch die Stasi kam ihnen zuvor.

Am 7. November 1973 nahmen drei Männer Tatjana Sterneberg, geboren 1952 in Ost-Berlin, „zur Klärung eines Sachverhaltes“ mit zum Verhör. Am 13. Mai 1974 wurde sie wegen „staatsfeindlicher Verbindungsaufnahme und Vorbereitung zum ungesetzlichen Grenzübertritt“ zu drei Jahren und acht Monaten Haft verurteilt und ins berüchtigte Frauengefängnis Hoheneck im Erzgebirge verschleppt. Was folgte, erzählte Tatjana Sterneberg gestern Schülern am Georg-Mendheim-Oberstufenzentrum in Oranienburg.

Mit bis zu 24 Frauen auf 30 Quadratmetern erlebte Tatjana Sterneberg in einer Zelle eingepfercht Schlimmes. Es gab die perfiden Verhörmethoden und den Psychoterror der Stasi. Und dann immer wieder Schläge, Isolationshaft und Folter. Tatjana Sterneberg verlor sogar ein Kind im Gefängnis. 1976 schließlich wurde sie vom Westen freigekauft. „Wir waren froh, dass wir das alles hinter uns hatten. Wir sind auf den Boden gefallen, haben den Boden geküsst“, berichtet sie von ihrer Ankunft in Westdeutschland.

Später erfuhr Sterneberg, dass die Stasi sie mit gesundheitsschädigenden Psychopharmaka vollpumpen ließ und sie von Spitzeln umgeben war. Der Arzt, Mithäftlinge, sogar der Seelsorger im Gefängnis hatten sich von der Stasi einspannen lassen.

Für Tatjana Sterneberg begann nach ihrem Martyrium in Hoheneck zunächst eine glückliche Zeit. Ihren geliebten Antonio, der selber zwei Jahre in Haft saß, heiratete sie 1977 in Neapel, anschließend zog das Paar nach Westberlin. Aus der Ehe stammt ein Kind.

Doch die Geschichte hat sie eingeholt. Nach ihrer Haft litt sie unter Panikattacken, konnte sich nicht in kleinen Räumen aufhalten. Dann, als die Mauer fiel, fiel Tatjana Sterneberg in eine tiefe Depression. Erinnerungen kamen hoch. Manchmal glaubte sie, der Boden unter ihr würde sich auftun und sie verschlucken. Eine „post-traumatische Belastungsstörung“, so die Diagnose. Sie hat inzwischen Therapien gemacht und gelernt, mit ihrem Trauma umzugehen. Dazu gehörte auch, mehr über die DDR zu erfahren und ihre Peiniger zur Rede zu stellen.

Einmal hat sie auch den Arzt, der sie in Hoheneck mit Psychopharmaka ruhig stellte, besucht. Er praktiziert heute in Ahrensfelde. Von Reue keine Spur.

Quelle: Sebastian Meyer, 17.9.2011, Märkische Allgemeine


Interview

23. Mai 2011

Gefangen in der DDR

Interview mit Ellen Thiemann und Ingeborg Linke. Ein Beitrag von Julia Möckl

Die Ellen Thiemann und Ingeborg Linke stehen nebeneinander vor einer Plakatwand.Burg Hoheneck thront wie eine Festung über der Stadt Stollberg im sächsischen Erzgebirge. In der DDR wurde die Burg zum größten Frauengefängnis der DDR. Ein großer Teil der Frauen wurde aus politischen Gründen gefangen gehalten.

„Mörderinnen sind mir lieber als Sie“ – so wurde Ingeborg Linke begrüßt, als sie in Hoheneck ankam. Die Hierarchien waren von Anfang an klar: Kriminelle standen über den politischen Gefangenen, die als „Staatsverbrecher“ betitelt wurden.

25 Jahre für angebliche Spionage

Frauen wie Ingeborg Linke bildeten die erste Generation der Hoheneckerinnen. Zusammen mit ihr kamen 1950 über 1000 Frauen nach Hoheneck, die Ende der 40er Jahre noch vor sowjetischen Militärtribunalen in der SBZ angeklagt wurden. Ingeborg Linke wurde wegen angeblicher Spionage zu 25 Jahren verurteilt. Einen Verteidiger bekam sie nicht – der Prozess war eine Farce. Wie Ingeborg Linke landeten in dieser Zeit auch viele andere Frauen unschuldig im Gefängnis.

Republikflüchtlinge und „Bodenschläfer“

Später kamen vor allem Frauen nach Hoheneck, die wegen versuchter Republikflucht von DDR-Gerichten zu Gefängnisstrafen verurteilt wurden. Eine davon war Ellen Thiemann. Sie war Mitte der 70er Jahre inhaftiert, einer Phase, in der das Gefängnis Hoheneck deutlich überbelegt war: Im Mai 1974 waren über 1.600 Frauen in Hoheneck inhaftiert – ausgelegt war das Gefängnis für etwa 600. Zwischen den Stockbetten in den Zellen schliefen sogenannte „Bodenschläfer“.

Schlechte Verpflegung und Kellerarrest

Schlafplätze, Verpflegung, Sanitäranlagen – in Hoheneck fehlte es an allem. Auch die Freizeitgestaltung war streng reglementiert: Ingeborg Linke hat in den 5 Jahren, die sie in Hoheneck verbracht hat, nur ein einziges Buch gelesen. Ellen Thiemann erinnert sich, dass es verboten war, zu singen oder Fremdsprachen zu üben. Hinzu kamen Demütigungen und Schikanierungen: Wer aufbegehrte, wurde bestraft – durfte eine Zeit lang keinen Besuch mehr empfangen, kam in Isolationshaft oder musste in den Kellerarrest.

Hier klicken, um das Interview anzuhören: „Gefangen in der DDR“


Gesicht zur Wand

9. November 2010

HINWEIS: Erstausstrahlung des Dokumentarfilms „Gesicht zur Wand“ von Stefan Weinert im deutschen Fernsehen am 11. November 2010 um 23:30 Uhr auf rbb.

Fünf Menschen, die versucht haben, aus der DDR zu fliehen, erzählen von ihren Beweggründen, ihrem Fluchtversuch, der Inhaftierung, den Haftbedingungen und dem Leben danach. Fünf Stimmen von 72.000, die als sogenannte „Republikflüchtlinge“ einen Teil ihres Lebens in Stasi-Haft verbringen mussten und zum Teil bis heute damit beschäftigt sind, dieses Trauma zu verarbeiten.

Bild zum Film: Gesicht zur Wand, Quelle: rbb/Stefan Weinert

Anne K., Catharina M., Mario R., Andreas B. und Lothar R. öffnen sich dem Regisseur Stefan Weinert und seinem Team, haben Vertrauen gefasst, sind noch einmal an die Orte ihrer Gefangenschaft zurückgekehrt und sprechen offen über die entwürdigenden Erlebnisse, die sie bis heute stark beschäftigen. Fast alle sind in therapeutischer Behandlung, einige nicht mehr arbeitsfähig. Sie werden in ihren Träumen von den Erinnerungen heimgesucht und können sich nicht lange in zu engen Räumen aufhalten. „Diese Wunden auf der Seele, die sieht man nicht“, sagt Anne K.

Der Film schafft es durch seine Anteilnahme und seine intensive Aufmerksamkeit, dass fünf verdrängte persönliche Geschichten erzählt werden. Und ist damit selbst ein wichtiges Mittel gegen die Verdrängung und das Vergessen.

Gesicht zur Wand
Dokumentarfilm Deutschland 2009

Regie: Stefan Weinert

Quelle: http://www.rbb-online.de/filmzeit/filmzeit/genres/dokumentarfilm/gesicht_zur_wand.html

Trailer zum Film: hier.