Das Leben im Frauengefängnis

25. Mai 2014
Geschichte in Lehrbüchern ist lehrreich, aber lange nicht so anschaulich wie erlebte Berichte von Zeitzeugen. Nach diesem Muster traf sich die Klasse 10rb der Nelson-Mandela-Realschule plus in Dierdorf mit einer ehemaligen Inhaftierten des DDR-Frauengefängnisses Hoheneck.
Das Leben im Frauengefängnis

Bis zu 1.600 Frauen waren zeitweise in dem Gefängnis in Sachsen eingesperrt. Platz war dort eigentlich nur für 600 Gefangene. Die Frauen mussten teilweise auf dem Boden schlafen. Die Verhöre wurden nachts geführt, tagsüber war es bei Strafe verboten zu schlafen.

Hoheneck war das zentrale Gefängnis der DDR für Frauen, die wegen ihrer politischen Meinung auf der roten Liste des diktatorischen Regimes standen. In den Zellen wurden diese Frauen ganz bewusst mit Gewaltverbrecherinnen und Mörderinnen zusammen untergebracht. 2001 wurde das Gefängnis Hoheneck geschlossen. Ein Geschäftsmann wollte einen Freizeit- und Erholungspark daraus machen. Das scheiterte an wirtschaftlichen Schwierigkeiten und dem Widerstand der Opferverbände. Seitdem steht das Gefängnis leer, kann aber auf Anfrage besichtigt werden.

Elke Schlegel kam 1958 in Jena zur Welt. Mit etwas über 20 Jahren wollte sie – zusammen mit ihrem Freund – aus der DDR ausreisen und in der Bundesrepublik leben. Sie stellte immer wieder Ausreiseanträge, die abgelehnt wurden. Dann demonstrierte die sie mit Gegnern des DDR-Regimes gegen das Ausreiseverbot. Im März 1983 wurde sie verhaftet, obwohl man ihr wenige Tage zuvor versprochen hatte, dass sie jetzt ausreisen dürfe.

Als sie verhaftet wurde, hatte die junge Frau bereits einen zwei Jahre alten Sohn. Der wurde in der Haftzeit von Elkes Mutter versorgt. Wegen „ungesetzlicher Verbindungsaufnahme“ wurde Elke Schlegel zu einem Jahr und sechs Monaten Gefängnis in Hoheneck verurteilt. Im Gefängnis wurde sie untergewichtig. 1984 wurde die 26-Jährige von der Bundesrepublik freigekauft und durfte ausreisen. Ihr vier Jahre alter Sohn durfte ihr ein Jahr später nachfolgen. Sie hatte ihn zwei Jahre lang nicht mehr gesehen.

Im April kam Elke Schlegel auf Einladung von Lehrerin Andrea Ruhl nach Dierdorf. In der 10rb berichtete sie vom Leid der Frauen im Gefängnis Hoheneck. Ihr wurden viele Fragen gestellt: „Hatten Sie Freunde im Gefängnis?“, „Wie übersteht man diese schwere Zeit?“, „Konnten Sie telefonieren?“, „Gibt es heute noch Probleme wegen Ihres Aufenthalts in Hoheneck?“, „Was haben Sie nach Ihrer Entlassung getan?“. Elke Schlegel beantwortete alle Fragen ausführlich. So wurde es für die Jugendlichen der 10rb eine der interessantesten Geschichtsstunden ihrer Schullaufbahn.

Während ihrer Schulabschlussfahrt nach Berlin kurze Zeit später konnte sich die Klasse einen persönlichen Eindruck verschaffen, wie es in einem DDR-Gefängnis aussah. Die Schülerinnen und Schüler machten einen Ausflug zur Gedenkstätte Berlin-Hohenschönhausen, dem ehemaligen zentralen Untersuchungsgefängnis der Staatssicherheit der DDR. Der Besuch hinterließ ein beklemmendes Gefühl bei den Jugendlichen.

Quelle: NR Kurier, 25.5.2014

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Frauen erzählen in Koblenz vom Grauen im DDR-Knast

24. März 2014

Koblenz – Elke Schlegel saß mehrere Monate im DDR-Knast Hoheneck. Sie hatte nichts verbrochen, sie wollte nur raus aus der DDR. Jetzt, drei Jahrzehnte später, eröffnete die Koblenzerin im Mittelrhein-Museum die Ausstellung „Das Frauengefängnis Hoheneck – 25 Porträts ehemaliger politischer Gefangener“.

1125704Elke Schlegel saß mehrere Monate im DDR-Knast Hoheneck, hinter Gittern, Stacheldraht und Elektrozäunen. Sie hat nichts verbrochen, sie wollte nur raus aus der DDR – rüber in den kapitalistischen Westen. Jetzt, drei Jahrzehnte später, eröffnete die Koblenzerin (55) im Mittelrhein-Museum auf dem Zentralplatz die Wanderausstellung „Das Frauengefängnis Hoheneck – 25 Porträts ehemaliger politischer Gefangener“.

Hoheneck war das größte Frauenzuchthaus in der DDR, es befand sich in einer Burg hoch über der sächsischen Kleinstadt Stollberg. Es war ein Monster mit hohen Mauern, heißt es im Begleitbuch zur Ausstellung „Der dunkle Ort“ von Dirk von Nayhauß und Maggie Riepl. Ein Monster, aus dem niemandem die Flucht gelang. Ein Monster, in dem die Häftlinge gefoltert und gedemütigt wurden. „Diskriminierend waren vor allem die Zellenrazzien und körperlichen Untersuchungen, bei denen sich die Gefangenen nackt ausziehen mussten und begrapscht wurden. Die Strafen in Hoheneck waren drakonisch: Arrest in der Dunkelzelle mit Wasser und Brot gab es schon für geringste Vergehen.“

Zur Eröffnung der Ausstellung kamen gut 100 Interessierte. Elke Schlegel erzählte ihnen in bewegenden Worten vom DDR-Knast: „Wir Gefangenen waren zusammengepfercht wie Tiere. Die Zellen waren mit bis zu 40 Frauen belegt. Wir teilten sie mit ehemaligen KZ-Aufseherinnen und Kriminellen.“ Elke Schlegel wuchs in der DDR auf, arbeitete in Jena als Hotelfachfrau. Sie, ihr Freund und ihr Sohn beantragten 1983 die Ausreise aus der DDR. 1984 wurden sie und ihr Freund von der Stasi verhaftet, später als Staatsfeinde zu eineinhalb Jahren Haft verurteilt. Man warf Elke Schlegel vor, dass sie mit einem Freund in Neuwied telefoniert hatte – und über ihren Ausreiseantrag sprach.

Zu den Gästen der Ausstellungseröffnung gehörte auch der Koblenzer Oberbürgermeister. Joachim Hofmann-Göttig (62), der in Leipzig geboren wurde, kritisierte, dass die DDR das Gefängnis Hoheneck wie zuv1125703or das Dritte Reich zur Inhaftierung von Oppositionellen nutzte. „Mit welcher Schamlosigkeit das DDR-Regime dort eine Politik fortsetzte, die unter Adolf Hitler begonnen hatte, ist mir völlig unverständlich.“

Nach fünf Monaten und 24 Tagen Haft wog Elke Schlegel nur noch 38 Kilogramm. Dann kaufte der Westen sie frei.  Sie durfte ausreisen, ihr Freund und ihr Sohn kamen nach. Schlegel will mit der Ausstellung die Menschen sensibilisieren – für den Unterschied zwischen Diktatur und Demokratie.

Quelle: Rhein Zeitung, Hartmut Wagner, 20.03.2014


Torturen, die das ganze Leben prägen

11. November 2013

Ihr neues Buch „Wo sind die Toten von Hoheneck?“ hat Ellen Thiemann kürzlich in der Kreisvolkshochschule Hildburghausen vorgestellt. Lebendig und nachvollziehbar berichtete die Journalistin von den Torturen, die viele Frauen im berüchtigten Frauengefängnis Hoheneck versehrt haben.

Quelle: FW, 11. 11.2013. Ganzer Artikel hier


„Der dunkle Ort“ – Ausstellung demnächst in Pforzheim

6. August 2013

Ab dem 25. September 2013 wird die Ausstellung „Der dunkle Ort“ in Pforzheim zu sehen sein.  Die Ausstellung beleuchtet die Zustände im Frauenzuchthaus Hoheneck und zeigt anhand von 25 unterschiedlichen Lebensgeschichten exemplarisch, wie es Frauen in diesem Gefängnis ergangen ist. 25 ehemalige, aus politischen Gründen Inhaftierte haben sich dem Fotografen Dirk von Nayhauß und der Autorin Maggie Riepl anvertraut, die zum Thema auch ein Buch („Der dunkle Ort“) veröffentlicht haben.

Alle Interessenten & ehemaligen Hoheneckerinnen sind herzlich eingeladen!

Organsiert wird die Ausstellung von der Stiftung ‚Lernort Demokratie – das DDR-Museum Pforzheim‘. Frau Kipfer, die Vorstandsvorsitzende des Stiftungsbeirates hat diese Ausstellung nach Pforzheim geholt.
Weitere Informationen hier:
Flyer S. 1
Flyer S. 2

Protest gegen Lesung in Leipzig

14. März 2013

Im Vorfeld einer Lesung von Jana Döhring und Ilko-Sascha Kowalczuk  am 15. März in Leipzig (ab 20 Uhr in der Gedenkstätte Museum in der Runden Ecke, Dittrichring 24) kam es in letzter Zeit zu Protesten ehemaliger politischer Gefangener. Worum geht es? Frau Döhring, „Stasiratte“ nach eigenem Bekunden, hat ein Buch mit dem Titel „Stasiratte“ über ihre IM-Tätigkeit veröffentlicht und wird es anlässlich der Leipziger Buchmesse vorstellen. Dass dies in den Räumen der Gedenkstätte „Museum in der Runden Ecke“ geschieht, ist sehr umstritten, bietet es Tätern doch damit unverständlicherweise eine Plattform, um im Selbstmitleid zu schwelgen und ihr Buch zu promoten. Dies wird u.a. vom Frauenkreis der Hoheneckerinnen ausdrücklich abgelehnt. In einem offenen Brief  an das Staatsministrium für Kultur und Medien wird der Protest näher erläutert. Wer sich den Unterzeichnern anschliessen will, kann dies gern tun.                            [bs, 14.03.2013]

Brief hier: Protest


Ausstellung in der hessischen Landeszentrale beleuchtet bis zum 31. Januar die Zustände in Hoheneck

7. Dezember 2012

(Ausstellungseröffnung  Das Frauengefängnis Hoheneckaja). Bautzen, das Zuchthaus der DDR, und die brutalen Zustände, die dort herrschten, sind vielen geläufig. Das Frauengefängnis Hoheneck hingegen ist nur wenigen Menschen ein Begriff, obwohl dort Tausende von Frauen unter unwürdigen Bedingungen in den Jahren 1949 bis 1989 gefangen gehalten wurden. Eine Ausstellung in der hessischen Landeszentrale beleuchtet bis 31. Januar 2013 die Zustände im Gefängnis und zeigt exemplarische Lebensgeschichten dort inhaftierter Frauen.

25 ehemalige Inhaftierte haben sich dem Fotografen Dirk von Nayhauß und der Autorin Maggie Riepl anvertraut. Neun von ihnen waren bei der Ausstellungseröffnung zugegen, die Jutta Fleck („Die Frau vom Checkpoint Charlie“) vornahm. Sie ist seit 2009 Leiterin eines Dokumentationszentrums und Ansprechpartnerin für Zeitzeugen des SED-Unrechtsregimes, eines Projektes der HLZ. Hessen, so HLZ-Direktor Bernd Heidenreich, sei Vorreiter bei der Aufarbeitung der SED-Diktatur. Die Ausstellung schaffe es, Geschichte persönlich erlebbar zu machen und die Betrachter spüren zu lassen, welches Unrecht an den Menschen verübt wurde. Ihr einziges „Verbrechen“ bestand meist darin, dass sie die DDR verlassen wollten, Kontakt zu Westdeutschen hatten oder einfach ihre Meinung offen äußerten.

So wurde zum Beispiel die 1937 geborene Ellen Thiemann 1972 wegen „geplanter Republikflucht und staatsfeindlicher Verbindungsaufnahme“ zu zwei Jahren in Hoheneck verurteilt. Auch unter Folter verriet sie die Beteiligung ihres Mannes nicht, der sich später als Stasi-IM herausstellte. Petra Koch, geboren 1960, macht 1982 einen Fluchtversuch von der damaligen Tschechoslowakei nach Österreich, der scheitert und auch sie ins Zuchthaus bringt. Sie wird von der Bundesrepublik freigekauft. Catharina Mäge, Jahrgang 1956, wurde ebenfalls wegen „versuchter Republikflucht“ für ein Jahr in Hoheneck inhaftiert.

Die Zustände in dem Gefängnis waren entsetzlich. Für 600 Häftlinge vorgesehen, mussten teilweise bis zu 1600 Frauen dort unter hygienischen und psychologischen Extrembedingungen ausharren. Kriminelle und die „Politischen“ wurden gemeinsam inhaftiert. Viele wurden mit Psychopharmaka ruhiggestellt. Sie mussten im Akkord arbeiten, zum Beispiel Bettwäsche nähen, die in westlichen Kaufhäusern landete.

Die Autoren des Buches „Ein dunkler Ort“, das mit Unterstützung der Bundesstiftung zur Aufarbeitung der SED-Diktatur gedruckt wurde und in der HLZ kostenlos erhältlich ist, schildern diese Schicksale mit Daten und Dokumenten, die erschüttern. Die Ausstellung zeige, so Bernd Heidenreich, „dass Freiheit ein Wert ist, der nicht selbstverständlich ist, sondern für den wir aktiv eintreten müssen – jeden Tag“.

Quelle: Wiesbadener Kurier, 6.12.2012


Ikea-Möbel sollen in DDR-Gefängnissen produziert worden sein

3. Juni 2012

Dem schwedischen Möbelhändler wird vorgeworfen, in DDR-Gefängnissen produziert zu haben. Die Konzernverantwortlichen sind schockiert und wollen Aufklärung.

Es ist kalt und dunkel. Kein Kontakt, kein Buch, kein Blatt Papier, nur eine Pritsche und ein Klo. Birgit Schlicke beschreibt die Arrestzelle im DDR-Frauengefängnis in Hoheneck in Sachsen. „Wer nicht arbeiten wollte, kam sofort in die Isolationshaft“, sagt die 43-Jährige im Gespräch mit unserer Zeitung. Für Schlicke und die etwa 500 Frauen in Hoheneck bedeutete das Nähen im Akkord. 287 Bettbezüge in acht Stunden war die Vorgabe.

Geld gab es kaum. 1989 endete die Haft für die politische Gefangene Schlicke. Doch bereits ein Jahr später wurde sie von ihrer Vergangenheit eingeholt: Sie fand ihre Bettwäsche wieder – in einem Neckermann-Katalog.

Auch Neckermann sieht sich Vorwürfen ausgesetzt

Der Versandhändler ist kein Einzelfall. Mehreren Westunternehmen wird 23 Jahre nach dem Mauerfall vorgeworfen, an der Zwangsarbeit von DDR-Häftlingen verdient zu haben. Sie sollen billige Waren aus dem Nachbarstaat bezogen und sie günstig im Westen verkauft haben. Neben Neckermann sieht sich auch Ikea mit solchen Vorwürfen konfrontiert.

Die Diskussion war durch eine schwedische Fernsehdokumentation angestoßen worden. Die Journalisten hatten berichtet, dass im „Zuchthaus“ Waldheim in Sachsen Teile für Ikea-Sofas hergestellt worden waren. Auch das berühmte Billy-Regal sei teilweise „made in GDR“ (die englische Übersetzung für DDR). Teile für Bürostühle sollen ebenfalls in Ostdeutschland entstanden sein. Das berichtet Alexander Arnold. Er war 1983 elf Monate im Gefängnis in Naumburg an der Saale inhaftiert, weil er Flugblätter gegen die Aufrüstung mit Atomwaffen in Ost und West verteilt hatte. Er arbeitete in der etwa 20 Minuten entfernten Firma Mewa. Arnold erinnert sich: „Die Arbeitsbedingungen waren schrecklich.“

Schreckliche Arbeitsbedingungen

In der fensterlosen Halle mussten die Insassen an veralteten Stanzmaschinen von 1912 schuften. Arnolds Stimme stockt, wenn er erzählt, dass jegliche Sicherheitsvorkehrungen abgebaut waren, damit die Maschinen mehr Stückzahl bewältigten. „Die Zivilmeister haben uns gesteckt, dass wir für Ikea arbeiten“, sagt Arnold. „Wer unter 80 Prozent des Solls lag, galt als Saboteur“, erinnert er sich. „Der kam zehn Tage in die sogenannte Mumpe.“ Das waren Dunkelzellen im Keller. Wer die Arbeit gar verweigerte, wurde in das Dachgeschoss gesperrt. Was dort passierte, weiß der 51-Jährige nur aus Erzählungen: Dort lag man an Händen und Füßen ans Bett gefesselt, 23 Stunden am Tag, angezogen mit einem speziellen Overall. „Dreimal am Tag wurde man dann für 20 Minuten losgelassen, in denen man essen, sich waschen und auf die Toilette durfte, wenn man es denn schaffte, das neben den Schließern zu erledigen. Der Overall war für die, die es nicht schafften und dann in ihren eigenen Fäkalien liegen mussten.“

Ikea-Führung will Aufklärung

Die Ikea-Verantwortlichen sind über diese Schilderungen schockiert. Der Konzern reagiert und Ikea-Sprecherin Sabine Nold kündigt an, die Nachforschungen, die zu diesem Thema ohnehin laufen, zu beschleunigen: „Wir nehmen das Thema sehr ernst.“ Allerdings werde das Unternehmen hauptsächlich mit Behauptungen konfrontiert. Handfeste Beweise gebe es bislang kaum. Die Bundesbehörde für Stasi-Unterlagen bestätigt, dass Ikea eine Anfrage gestartet hat: „Ikea nimmt hier klar eine Vorreiterrolle ein“, sagte eine Sprecherin.

Auch Neckermann will aufklären. Der Versandhändler räumt zwar ein, zu DDR-Zeiten Waren verschiedenster Art, wie Spielzeug, Möbel und Textilien, von DDR-Lieferanten bezogen zu haben. Allerdings betont Neckermann-Sprecherin Anne Putz: „Über die Produktionsbedingungen und die Herkunft der Waren lagen nach jetzigem Sachstand damals keine Informationen vor.“

Ex-Hoheneck-Gefangene Birgit Schlicke sagt hingegen, dass den meisten Insassen bewusst gewesen sei, dass die Bettwäsche nicht für die DDR bestimmt war. Schlicke erinnert sich: „Wir wussten ja, was es in den Geschäften im Osten gab. Und die Bettwäsche, die wir hergestellt haben, war viel bunter und das Material viel hochwertiger als in der DDR.“

Auch ein CDU-Politiker war unter den Zwangsarbeitern. Dieter Dombrowski und die etwa 1300 hauptsächlich politisch Inhaftierten im Gefängnis in Cottbus stellten für den volkseigenen Betrieb (VEB) Pentacon Gehäuse von Praktica-Kameras her. Der heutige CDU-Generalsekretär Brandenburgs saß von April 1974 bis Dezember 1975 in Haft, weil er versucht hatte, die DDR zu verlassen. 20 Ostmark habe er damals im Schnitt pro Monat verdient. Das entspricht heute ungefähr drei Euro. Die Gefangenen mussten auch mit minderwertigem Werkzeug und schlechten Sicherheitsvorkehrungen zurechtkommen. Die Zwangsarbeit war ein sehr lukratives Geschäft: „Die Gewinnspannen der Westunternehmen waren exorbitant hoch“, ist sich Dombrowski sicher. Dass in Cottbus Häftlinge für die VEB Pentacon produzieren mussten, ist von Historikern belegt. Darauf verweist auch der heutige Nachfolger des Betriebs: Die 1997 neu gegründete Pentacon GmbH. Ein Sprecher sagt: „Wir bedauern das Schicksal der Betroffenen.“ Er stellt jedoch klar: „Wir sind allerdings nicht Rechtsnachfolger der damaligen VEB Pentacon.“

Zehntausende politische Gefangene saßen in Haft und arbeiteten

Zehntausende politische Gefangene saßen einst in DDR-Gefängnissen und arbeiteten. So hoch schätzt der Geschäftsführer der Internationalen Gesellschaft für Menschenrechte, Karl Hafen, diese Zahl. Etwa 30 000 hat die Bundesrepublik seit 1968 aus der DDR freigekauft. Die Gesellschaft hat sie betreut. Dass Zwangsarbeiter auch Produkte hergestellt haben, die später in Westdeutschland verkauft wurden, war bekannt. Allerdings: „Wir hatten damals andere Sorgen. Wir wollten die Leute da rauskriegen“, sagt Hafen. Den Betroffenen geht es nicht um Geld, sondern um Aufklärung und eine Entschuldigung. Für sie ist klar, dass sie ausgebeutet wurden. „Ich war rechtswidrig inhaftiert und bin zur Arbeit gezwungen worden“, sagt Dombrowski. „Die Arbeit war zwar Zwang, aber der einzige Auslauf“ aus der 44 Quadratmeter großen Zelle, in der 28 Männer untergebracht waren. Und immer noch besser als die Alternative: Isolationshaft in einer kalten, dunklen Arrestzelle.

Quelle: Augsburger Allgemeine Zeitung, Daniela Deeg, 2. Juni 2012