Brief der Regisseurin Kristin Derfler an die Frauen von Hoheneck

Liebe Frauen von Hoheneck,

mit der überwältigenden Ausstrahlung der beiden Filme am Mittwoch ist für uns ein langer Weg erfolgreich zu Ende gegangen, der von vielen Felsbrocken überlagert war.

Wir sind glücklich und sehr erleichtert, dass dieser Abend im Hauptprogamm der ARD zur primetime stattgefunden hat und wir hoffen, nach dem Anschauen der stark gekürzten und veränderten Fernsehdoku, seid ihr immer noch zufrieden mit dem Ergebnis. Unsere lange Fassung gibt es bei der Bundesstiftung zur Aufarbeitung der SED Diktatur unter dem Titel „Ein Tag zählt wie ein Jahr“.

Wir möchten euch danken, für euer Vertrauen, das ihr uns in den letzten Jahren geschenkt habt, denn dieser Mut, EUER Mut ist Millionenfach gesehen und belohnt worden. Fast sechs (6!) Millionen Zuschauer bundesweit haben sich zwei Stunden an diesem Abend, dem 9. November 2011, mit euren Schicksalen und Hoheneck beschäftigt.

Für uns war die gemeinsame Zeit mit euch sehr bewegend. Wir haben viele tolle Frauen und spannende Persönlichkeiten kennenlernen dürfen und dafür sind wir sehr dankbar.

Jede von euch hätte es verdient, einzeln gewürdigt und vorgestellt zu werden. Aber auch wir sind nicht „frei“ und mußten Kompromisse machen. Deshalb mußten wir auch irgendwann bestimmte Entscheidungen treffen, sie sind uns nicht leicht gefallen, aber wir sehen in den vier exemplarisch vorgestellten Frauenschicksalen und ihren Familien JEDE EINZELNE von euch: Ihr seid Kameradinnen, trotz der vielen, sehr unterschiedlichen Schicksale zu unterschiedlichen Zeiten und vor allen Dingen seid ihr in euren Seelen vereint, in einer für euch alle überaus schmerzvollen Leidenszeit. Dessen solltet ihr euch immer bewußt sein.

Es ist nicht vorbei – so lautet der Titel des Spielfilms. Vieles ist nicht vorbei, noch lange nicht bewältigt und aufgearbeitet. Aber ein kleiner, bescheidener Anfang ist gemacht: Heute kann keiner mehr sagen, er oder sie habe noch nie etwas vom Frauengefängnis Hoheneck gehört.

Wir wünschen euch weiterhin viel Kraft für euren Kampf für eine würdige Gedenkstätte und ihr könnt stets auf unsere Unterstützung zählen.

Genießt den Erfolg, liebe Hoheneckerinnen – es ist in erster Linie und ganz allein EUER Erfolg!

Unser spezieller Gruss richtet sich an die Kinder und Familienangehörigen der Hoheneckerinnen. Ihnen gebührt unser Respekt, denn sie mußten mit den Folgen ihrer eingesperrten Mütter und Väter alleine zurecht kommen.
Das Schlimmste am Schlimmen ist, nicht darüber reden zu können. Deshalb: Hört nie auf Fragen zu stellen und sucht das Gespräch.

Herzliche Grüsse,

Eure Filmemacher Kristin Derfler+Dietmar Klein

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One Response to Brief der Regisseurin Kristin Derfler an die Frauen von Hoheneck

  1. Kerstin Selling sagt:

    Sehr geehrte Frau Kristin Derfler und Herr Dietmar Klein,
    ich konnte leider den Film nicht vollständig sehen,wie der Zufall es wollte,habe ich mit einer ehemaligen Insassin telefoniert.Dieser Insassin zolle ich bis heute hohen Respekt.Sie war 16 Jahre meine Chefin,aber bei ihr hat das Schicksal in der heutigen Zeit erneut in anderer Art und Weise, aber in meinen Augen, ebenso hart zugeschlagen und sie hat zur Aufarbeitung ihres Lebens u.a. den 1.Teil ihres Buches DIE AUSTENATS-eine deutsche Familie geschrieben und es ist im Oktober erschienen.Es
    behandelt u.a.auch die Zeit von Hoheneck-Es werden ja immer Zeitzeugen gesucht.

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