Grosses Interesse an Schicksalen

26. Juli 2014

Schloss Hoheneck: Berichte von Zeitzeugen gefragt

Stollberg. Die Kritik einer Besucherin aus Eibenstock, die während ihres Besuches auf Schloss Hohen-eck am vergangenen Sonntag die Möglichkeit des Kontaktes zu Zeitzeugen vermisst hatte, war unberechtigt. Denn zur Veranstaltung der „Schlössertour“ bestand durchaus die Möglichkeit, mit Menschen zu sprechen, die das frühere Frauengefängnis Hoheneck aus eigenem Erleben kennen. Vier ehemals politische Gefangene dieses Ortes standen den Besuchern im Kino- und Veranstaltungssaal den gesamten Tag Rede und Antwort über das Erlebte: Annemarie Krause, Konstanze Helber, Rosel Werl und Edda Schönherz.
„Der Saal war ständig mit interessierten Menschen, die etwas von unserem Schicksal erfahren wollten, überfüllt“, erinnert sich beispielsweise Edda Schönherz, die heute als Autorin, Zeitzeugenreferentin für politische Bildung unter anderem in der Gedenkstätte Hohenschönhausen-Berlin und im Förderverein Gedenkstätte Hoheneck aktiv ist.
Der Auftakt der „Schlössertour 2015“ von „Freie Presse“ hatte rund 2000 Besucher in das einstige Stollberger DDR-Frauengefängnis gelockt, die sich ein Bild von den Haftbedingungen machen wollten. Die nächste Station der „Schlössertour“ führt morgen auf Gut Neumark im Vogtland. (vh)

Erschienen in FREIE PRESSE, 26.7.2014
http://www.freiepresse.de/LOKALES/ERZGEBIRGE/STOLLBERG/Grosses-Interesse-an-Schicksalen-artikel8918412.php


FR Schlössertour: Das Frauen-Verlies der DDR

20. Juli 2014

Hoheneck steht für ein dunkles Kapitel der deutsch-deutschen Geschichte. 40 Jahre lang waren hier politische Häftlinge eingesperrt. Am Sonntag lädt die „Freie Presse“ zum Rundgang durch das einstige Gefängnis ein, wo sich Zeitgeschichte und Zukunft begegnen sollen.

Stollberg. Als die Tür ins Schloss fällt, wird es stockdunkel. Einziger Orientierungspunkt ist ein winziges Guckloch, ringsum ist alles schwarz. Beklemmung macht sich breit. Dann klappert der Schlüssel. Theo Schreckenbach sperrt wieder auf und sagt: „Bis zu 21 Tage steckten die Häftlinge in der Dunkelzelle.“
Nebenan ein Raum, der nicht weniger Angst macht: eine Wasserzelle. Hier sollen die Insassen bis zu den Waden im Wasser gestanden haben. In einigen Berichten wird die Authentizität dieses Ortes angezweifelt, Schreckenbach kennt die widersprüchlichen Aussagen: „Eine Ex-Wärterin sagte mir: Das war unser Gemüsekeller.“ Eine andere wiederum habe die Beschreibung als Wasserzelle indirekt bestätigt. Schließlich eine Besucherin, die weinend in der Zelle stand. „Ihr Mann erzählte, dass seine Frau dort dreimal einen Tag eingesperrt war. Sie musste sich später operieren lassen, sie hat keine Kinder bekommen.“

Foto: Archiv der Stiftung zur Aufarbeitung der SED-Diktatur.

Foto: Archiv der Stiftung zur Aufarbeitung der SED-Diktatur.

Theo Schreckenbach, Jahrgang 1934, hat schon Hunderte Menschen durch die ehemalige Haftanstalt geführt. Er sagt: „Ich habe das für mich als Verpflichtung erkannt.“ Sein Vater war 1945 knapp sieben Wochen lang in Hoheneck inhaftiert. Damals hatten hier die sowjetischen Besatzer das Sagen. 1950 begann dann das dunkle Kapitel in der Geschichte des Hauses, das den Stollberger Rentner bis heute umtreibt. Am Sonntag öffnet die „Freie Presse“ zum Auftakt ihrer diesjährigen Schlössertour das ehemalige Frauengefängnis. Dann werden Schreckenbachs Kollegen vom Förderverein Gedenkstätte Stollberg – Frauenhaftanstalt Hoheneck Besucher auf Rundgängen durch das Haus begleiten.
Es waren ausschließlich Frauen, unter ihnen viele politische Gefangene, die die DDR auf Hoheneck einsperrte. Der Ort ist heute ein Synonym für Willkür und demütigende, lange Zeit auch unmenschliche Haftbedingungen. Bis 1960 bekamen die Inhaftierten Eimer, um ihre Notdurft zu verrichten, bis 1976 nur kaltes Wasser zum Waschen. Jede dritte Frau war hier wegen politischer Delikte wie „staatsfeindliche Hetze“, „versuchte Republikflucht“ oder „illegale Kontaktaufnahme“ inhaftiert – unter ihnen auch Jutta Gallus, „die Frau vom Checkpoint Charlie“.

Seit der Freistaat Sachsen das Gefängnis im Frühjahr 2001 aufgab, ringt die Stadt Stollberg um eine neue Nutzung für das baufällige Gebäude – und um eine angemessene Bewahrung der Geschichte des Haftortes. Ein saarländischer Unternehmer, der die Immobilie kaufte, wollte einen Freizeit- und Erholungskomplex schaffen – eine Art Eventhotel, in dem sich die Gäste einschließen lassen können, um das Leben als Häftling hautnah zu spüren. Opferverbände protestierten, das Nutzungskonzept platzte. Stollbergs Oberbürgermeister Marcel Schmidt spricht von medialen Missverständnissen und Übertreibungen. Aber grundsätzlich verteidigt er unorthodoxe Ideen zur Vermittlung von Zeitgeschichte: „Manchmal muss man auch provozieren, um Interesse zu wecken.“ Zu Himmelfahrt 2004 hatte der damalige Schlossbesitzer Bernhard Freiberger einen „Männertag im Frauenknast“ organisiert. „An zwei Wochenenden kamen damals 30.000 Leute. Und die haben sich sehr ernsthaft mit dem Thema auseinandergesetzt“, sagt Schmidt.

Die Stadt Stollberg will mit der künftigen Nutzung des Hauses an die Geschichte erinnern – und eine Brücke in die Zukunft schlagen: Noch in diesem Jahr sollen die 5,4 Millionen Euro teuren Aus- und Umbauarbeiten beginnen, die der Freistaat zu 80 Prozent fördert. Hoheneck soll künftig eine Gedenkstätte für das Frauengefängnis beherbergen. Zudem wird 2016 die Wissenschaftsausstellung „Phänomenia“ aus Glauchau nach Stollberg umziehen und in Zusammenarbeit mit der TU Chemnitz konzeptionell neu aufgestellt. „Für Grundschulklassen soll es außerschulischen Unterricht geben. Auch für Lehrer soll die Ausstellung attraktiv werden“, sagt OB Schmidt.

Schloss Hoheneck – so heißt der ehemalige Haftort im Volksmund. Kritiker sagen, Hoheneck sei kein Schloss. Rundgänge innerhalb einer Schlössertour sind damit auch ein politisches Statement – dass die Erinnerung an unterschiedliche Epochen in der Geschichte des Ortes unter dem Dach des einstigen Gefängnisses möglich sind.

Die Stadt will behutsam den Blick weiten: Als das damalige Schloss im 17. Jahrhundert schon einmal als Untersuchungsgefängnis genutzt wurde, entstand ein neuer Bergfried, der Uhrenturm im Hohen Eck. Von diesem leitete sich der Name des Gebäudes und der späteren Siedlung ab. Der Turm soll für Besucher begehbar gemacht werden. „Zum ersten Mal seit 150 Jahren“, sagt der Oberbürgermeister, „könnte man dann den fantastischen Ausblick in die Umgebung genießen.“

Freie Presse, erschienen am 20.07.2014


Zwangsarbeit für den Westexport

18. Juli 2014

Tausende Häftlinge wurden in der DDR zu dreckiger und zermürbender Arbeit gezwungen. Unter ihnen war auch Edda Sperling, die wegen Westkontakten in Hoheneck inhaftiert war. Sie musste Bettwäsche nähen und Metallteile drehen. „Wer das verweigerte, wurde in den Arrest gesteckt“, sagt die 60-jährige gelernte OP-Schwester. Sie lebt heute von Hartz
IV und fühlt sich alleingelassen.

In 600 Volkseigenen Betrieben wurden die Häftlinge eingesetzt. Das sagt Christian Sachse, Autor einer neuen Studie zur Zwangsarbeit in der DDR. Angenommen wird, dass bis zu 280.000 politische Insassen in die Produktion geschickt wurden, darunter viele aus Hoheneck. Dort mussten die Frauen im Dreischichtsystem arbeiten, zum Beispiel in der Strumpf- und Bettwäscheproduktion für den Westexport.

Der Westen profitierte kräftig: Viele Firmen bezogen Knastprodukte, ohne kritisch nachzufragen – obwohl es genügend Verdachtsmomente gab. Rainer Wagner, Vorsitzender der Union Opferverbände kommunistischer Gewaltherrschaft, der die Studie in Auftrag gab, sagt: „Die Firmen sollen ihre moralische Verantwortung wahrnehmen.“ Die Unternehmen rissen sich um die billigen Arbeitskräfte aus den Gefängnissen. Das wird in der rund 500 Seiten umfassenden Untersuchung deutlich. „Gefangene wurden als Arbeitskräfte extra angefordert, sie waren fest eingeplant“, sagt Wissenschaftler Sachse. Für ihre Versorgung waren nur drei Ost-Mark pro Tag eingeplant.

Die Betroffenen haben die Zwangsarbeit aber durchaus unterschiedlich erlebt. Angelika Cholewa saß ebenfalls im Frauengefängnis Hoheneck. Nach monatelanger, einsamer Untersuchungshaft habe sie wieder etwas tun können, sagt sie heute rückblickend. Die Arbeit sei wie ein Pflaster für ihre wunde Seele gewesen. (dpa)

Von der Stahleburg zur Weiberzuchtanstalt

Im Mittelalter wurde auf dem heutigen Schlossgelände eine Burg errichtet, um die Wege nach Böhmen zu sichern. Die Stahleburg, im 13. Jahrhundert erstmals urkundlich erwähnt, gab der Stadt Stollberg ihren Namen.

Im 16. Jahrhundert sollte Hoheneck als Jagdschloss für August I. ausgebaut werden, da die Gegend als wildreich galt. Doch der Kurfürst ließ schließlich Schloss Augustusburg errichten. Die Burg in Stollberg verfiel.

Für den Bau eines Gefängnisses wurden die Burgreste 1862 abgerissen, 1864 kamen die ersten Insassen in die Königlich-Sächsische Weiberzuchtanstalt Hoheneck. Die Nationalsozialisten nutzten das Gefängnis kurzzeitig für politische „Schutzhaft“, später als Zuchthaus.

Nach dem Zweiten Weltkrieg saßen in Hoheneck auch Mitglieder von NS-Organisationen ein. Im Februar 1950 begann die jahrzehntelange Geschichte als DDR-Frauengefängnis.

Von 1990 bis 2001 blieb Hoheneck Sachsens einziges Frauengefängnis.

2003 verkaufte der Freistaat den Gebäudekomplex an einen saarländischen Geschäftsmann. Er wollte das Areal zu einem Freizeitkomplex machen, scheiterte aber an wirtschaftlichen Schwierigkeiten und dem Widerstand der Opferverbände.

Seit Anfang 2014 gehört Hoheneck der Stadt Stollberg. Geplant sind Aus- und Umbau für eine Gedenkstätte und der Einzug einer Glauchauer Wissenschaftsausstellung. (oha)

Quelle: Oliver Hach, FREIE PRESSE, erschienen am 18.07.2014