DDR-Regimegegner erhalten Verdienstorden

23. November 2009

Der mdr Thüringen berichtete am 16.11.2009:

Bundespräsident Horst Köhler hat am Montag zwölf Gegner des SED-Regimes der DDR mit dem Verdienstorden der Bundesrepublik Deutschland ausgezeichnet. Er übergab die Auszeichnung in seinem Berliner Amtssitz Schloss Bellevue. Aus der Geschichte der DDR lasse sich lernen, „was Mut bedeutet und Zivilcourage, die in einer Diktatur noch viel mehr erfordert als in einem Rechtsstaat“, sagte Köhler bei der Zeremonie. Dass DDR-Bürger trotz des Risikos jahrelanger Haft für ihre Rechte und ihre Freiheit gekämpft hätten, „verdient unsere Hochachtung“.

Unter den geehrten Männern und Frauen sind auch zwei Thüringer: Oberpfarrer Roland Geipel und Bertold Dücker, der frühere Chefredakteur der „Südthüringer Zeitung“. Geipel hatte in der DDR Andersdenkende unterstützt und seine Kirche für Friedens- und Umweltgruppen geöffnet. Nach der Wende baute er in Gera mit anderen eine Gedenk- und Begegnungsstätte auf. Dücker wurde für sein Engagement für den Erhalt des einstigen US-Camps Point Alpha geehrt, das unter seiner Initiative zu einer Gedenkstätte ausgebaut wurde. Außerdem begründete Dücker den „Point Alpha-Preis“.

Neben den beiden Thüringern wurden zehn weitere Frauen und Männer von Bundespräsident Köhler ausgezeichnet – für ihren Mut, in der DDR trotz hohen persönlichen Risikos für Freiheit, Demokratie und Menschlichkeit eingetreten zu sein sowie dafür, sich nach der Wende um die Aufarbeitung der SED-Diktatur gekümmert zu haben. Köhler sagte, jeder der Geehrten „verdient unsere Hochachtung“.

Quelle: mdr

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Hoheneck-Dokumentation bei SPIEGEL TV

16. November 2009

Am 14.11.2009 lief auf Vox um 20:15 eine sehr interessante Dokumentation über das berüchtigte Frauenzuchthaus Hoheneck in Stollberg.  Ein Zuschauer, Horst Müller, beschrieb im Blog Blogmedien seine Eindrücke zur Sendung:

In der “Spiegel TV”-Dokumentation über das Frauengefängnis Hoheneck werden alle diejenigen Lügen gestraft, die auch heute noch das DDR-Unrechtregime in irgendeiner Weise glorifizieren wollen.

betten215. November 2009. In den vergangenen 20 Jahren habe ich viel über die DDR gehört, gesehen, gelesen, mit Zeitzeugen gesprochen – und für Zeitungen oder im Radio darüber berichtet. Kaum zuvor hatte ich beim Thema DDR-Vergangenheit allerdings so ein beklemmendes Gefühl, wie am Samstagabend, als ich eher zufällig bei “VOX” die “Spiegel TV”-Dokumentation “Eingesperrt, um frei zu sein” sah. Die Autoren Susanne Gerecke und Kay Siering schildern darin hautnah, glaubhaft und beklemmend die Schicksale von Frauen, die aus politischen Gründen, zumeist wegen versuchter Republikflucht, in dem geheimen Gefängnis Hoheneck im Erzgebirge gefangen gehalten, gedemütigt, entwürdigt und auch gefoltert wurden.

Mir ist selbstverständlich seit langem bewusst, dass in den Stasi-Gefängnissen vielfach unmenschliche Zustände herrschten. Schon Ende November 1989 hatten mich Mitglieder des “Neuen Forums” in Schwerin mit kurz zuvor befreiten Untersuchungshäftlingen der Stasi zusammengebracht. Die zwei Frauen und drei Männer, die ich seinerzeit traf, machten Andeutungen über “schlimme Zustände”, die im Keller des früheren Bezirks-Hauptquartiers der Stasi in der heutigen Hauptstadt von Mecklenburg-Vorpommern herrschten. Sie mochten damals allerdings (noch) nicht über Einzelheiten ihrer bis zu sechsmonatigen Untersuchungshaft sprechen.

In den folgenden Monaten und Jahren gerieten die Verbrechen des DDR-Regimes in den Medien zusehends in Vergessenheit – so mein Eindruck, zumindest aus heutiger Sicht. Es gab schließlich vermeintlich wichtigere Themen: die ersten freien Wahlen in der DDR, die Währungsunion, die deutsche Vereinigung, Landtagswahlen in den neuen Bundesländern sowie schließlich die wirtschaftlichen und sozialen Folgen der deutschen Einheit.

Umso wichtiger und anerkennenswerter ist es deswegen, dass sich “Spiegel TV” in der rund zweistündigen Dokumentation “Eingesperrt, um frei zu sein” eingehend mit  menschenverachtenden Methoden des DDR-Unrechtssystems befasst. Dargestellt wird darin unter anderem das Schicksal von Manuela Polaszczyk. Sie war gerade 20 Jahre alt, als sie in das Frauengefängnis Hoheneck kam, weil sie zuvor bei ihrem Fluchtversuch über die Ostsee gefasst wurde. In der Dokumentation berichtet sie von den Demütigungen und unmenschlichen Haftbedingungen, denen sie 14 Monate lang – bis zu ihrem “Freikauf” durch die Bundesrepublik – ausgesetzt war.

Die “Politischen” standen in der “Hierarchie” auf der untersten Stufe

Die Zellen in Hoheneck waren mit bis zu 21 Gefangenen belegt. In der “Hierarchie” der Anstalt standen die “Politischen”, zu denen auch Manuela Polaszczyk zählte, auf der untersten Stufe, weit hinter Mörderinnen und anderen Gewaltverbrechern. Brutale Übergriffe unter den Insassen waren nahezu an der Tagesordnung. Hinzu kamen Erniedrigungen und auch Folter durch das Aufsichtspersonal. Eine “beliebte Methode” der Wärterinnen sei gewesen, den Gefangenen die Enden von Gummiknüppeln auf die Wangen zu stoßen – so wurden sichtbare Verletzungen vermieden. Manuela Polaszczyk wurde nach eigenen Angaben stundenlang unter einer kalten Dusche angekettet und versuchte dabei verzweifelt wenigstens ihren Kopf den kalten Strahlen zu entziehen.

Eingangsbereich

Auch weitere Mitgefangene berichten in der “Spiegel TV”-Doku von Foltermethoden in Hoheneck. Mindestens bis in die 70er Jahre wurden weibliche Gefangene selbst wegen geringer Verstöße in eine sogenannte Wasserzelle im Kellergewölbe des Burg-Gebäudes eingesperrt. Nach stundenlangem Stehen in mit Fäkalien durchsetztem eiskalten Wasser erlitten die Frauen nach Darstellung einer Ärztin immer wieder unglaublich schmerzhafte Nierenkoliken. Neben der physischer Gewalt wurden die Gefangenen in Hoheneck auch psychischer Folter ausgesetzt. Zum “Instrumentarium” des Aufsichtspersonals gehörten Beschimpfungen, Einzelhaft und nicht zuletzt der Entzug von Briefen der Angehörigen, die ohnehin höchstens einmal wöchentlich und nur nach ausführlicher Kontrolle durch die “Erzieherinnen” zugestellt wurden.

In der Dokumentation kommen auch zwei ehemalige Aufseherinnen zu Wort, die beide bestreiten, den Gefangenen jemals Gewalt angetan zu haben und sich heute auf eine Art “Befehlsnotstand” berufen: “Wir haben nur die Befehle ausgeführt”, rechtfertigt eine von ihnen das strenge Regiment der Wärterinnen. Obwohl die Haftanstalt offiziell dem DDR-Innenministerium unterstand, kamen die “Befehle” vor allem von der Staatssicherheit, die auch Spitzel in die Zellen einschleuste. Als Stasi-Spitzel wurde nach der “Wende” auch der Vater von Manuela Polaszczyk überführt, zu dem sie eigentlich über die Ostsee in den Westen fliehen wollte – eine besonders bittere Ironie des Schicksals.

Über ihre 14 Monate in Hoheneck sagt die tapfer wirkende Frau heute: “Als ich dort ankam, war ich ein kleines, naives Etwas. Als ich rausging, habe ich mich gewundert, dass ich überhaupt noch lebe. Ich war um 50 Jahre gealtert. Geistig, körperlich, seelisch.” Sie straft  damit alle diejenigen Lügen, die auch heute noch das DDR-Unrechtsregime in irgendeiner Weise glorifizieren wollen.