BUCH

Gefangen im Stasiknast

Tagebuch einer politischen Gefangenen im Frauenzuchthaus Hoheneck

Pünktlich zum 20. Jahrestag des Mauerfalls erscheint mein Buch (ehemals „Knast-Tagebuch“) als Hardcover in einer komplett überarbeiteten, neuen Auflage beim Lichtzeichen Verlag. In den ergänzten Kapiteln habe ich die letzten 20 Jahre seit meiner Entlassung aus Hoheneck beschrieben. Ferner berichte ich im Buch welche „Entdeckungen“ ich in den letzten Jahren noch gemacht habe und erstmals konnte ich nun auch Fotos und Dokumente aus meiner Stasiakte veröffentlichen. Das Buch wurde Mitte Oktober auf der Internationalen Buchmesse in Frankfurt vorgestellt.

70-5-929.jpegHerbst 1989 in Deutschland. Im Herbst zog, ausgelöst durch Demonstrationen und Mauerfall, Demokratie im östlichen Teil unseres Landes ein. Ein Jahr später, Oktober 1990: die Wiedervereinigung der beiden Teile Deutschlands… Für viele von uns verbinden sich mit diesen Daten die unterschiedlichsten, persönlichen Erinnerungen. Für meine Familie und mich war es der Monat November 1989, in dem uns die langersehnte Freiheit geschenkt wurde. Nach 21 Monaten politischer Inhaftierung in der DDR wurden mein Vater und ich entlassen. Dies war für uns der Beginn eines neuen Lebens in Freiheit…

Schon 1988 hatte ich mir vorgenommen, ein Buch über meine Inhaftierung zu schreiben. Meine Intention war zunächst rein privater Natur. Mit dem Aufschreiben meiner Erlebnisse war es mir möglich, diese äußerst schwierige Zeit in einer Art Selbsttherapie zu verarbeiten. Gleichzeitig war mir von Anfang an klar, dass ich diese Erlebnisse mit anderen teilen wollte und musste.
Sicherlich erhebt mein Buch weder den Anspruch einer umfassenden Schilderung der DDR-Vergangenheit, noch sind spektakuläre Enthüllungen zu erwarten. Es geht auch nicht um eine personenbezogene Abrechnung mit den Vernehmern der Staatssicherheit, oder jenen, die uns im Strafvollzug quälten. Vielmehr geht es darum, ein Stück Zeitgeschichte zu rekapitulieren und sie vor allem jungen Menschen zugänglich zu machen.
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Hinsichtlich der Erzählform ist mein Bericht zum Teil ein künstliches Produkt, denn obwohl in Tagebuchform verfasst, war es uns Häftlingen natürlich nicht gestattet, über die Ereignisse Buch zu führen. Gerade dadurch unterscheidet sich aber dieses Buch von ähnlichen Publikationen. Ich habe sehr bewusst die Tagebuchform gewählt, da sie in meinen Augen die beste Möglichkeit bietet, meine persönlichen (durchaus subjektiven) Erfahrungen, Gedanken und Empfindungen so realistisch und hautnah wie möglich zum Ausdruck zu bringen, ohne dabei jedoch von der Wahrheit abzuweichen.
So stützen sich meine Erinnerungen vorrangig auf das ‚Tagebuch in meinem Kopf‘ und einige Schriftstücke, die mir
Schon wieder Vergangenheitsbewältigung? Ich meine, dass die Auseinandersetzung mit der Vergangenheit wichtig und unumgänglich ist. Ein Schlußstrich kann, wenn überhaupt, erst dann gezogen werden, wenn wir uns ganz bewusst mit den Tatsachen auseinandergesetzt haben und bereit sind, die gezogenen Schlussfolgerungen in die Gegenwart und Zukunft zu integrieren. Deshalb soll mein Buch auch mehr sein als ein rein zeitgeschichtlicher Bericht. Neben der persönlichen Aufarbeitung ist es zugleich Anklage gegen das totalitäre SED-Regime und seinen gefürchteten Geheimdienst, die Staatssicherheit. Am Beispiel meiner Familie und meiner Erlebnisse als Strafgefangene Nr. 12055 im Frauenzuchthaus Hoheneck (Stollberg) habe ich versucht wiederzugeben, was viele Menschen in der DDR ähnlich erlebt haben: Die Diskriminierung und Verfolgung durch einen Staat, der sich stets nach außen demokratisch gab, der aber seinen Bürgern primäre Menschenrechte vorenthielt und politische Gegner erbarmungslos unterdrückte. Aufklärung am konkreten Beispiel ist mir besonders deshalb ein wichtiges Anliegen, weil vielen Menschen in unserem Land die Herrschaftspraxis der SED-Regierung, mit all ihrer kriminellen Energie, bis heute größtenteils verborgen geblieben ist.
Verschweigen, Schönreden oder gar Fälschen der Wahrheit hilft uns nicht weiter. Wir müssen den Problemen ins Auge sehen, uns mit ihnen auseinandersetzen. Andernfalls könnte sich das bewahrheiten, was der Philosoph Santayana sagte: „Wer sich an die Vergangenheit nicht erinnern kann, ist dazu verdammt, die zu wiederholen.“

Die Erinnerung und das Wissen um die Tatsachen kann uns alle — und das ist meine Hoffnung — vor künftigen Diskriminierungen und Verletzungen der Menschenrechte bewahren.

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LESEPROBEN

Mittwoch, 23. März 1988: Leben in der UHA

UHA SpreeuferFast drei Wochen Stasi-Haft liegen hinter mir. Es kommt mir unendlich lang vor… So, als wären es bereits Monate. Langsam fange ich an mich damit abzufinden, dass ich hier so schnell nicht entlassen werde. Mit Bärbel und Manuela verstehe ich mich gut, bis auf die Tatsache, dass Bärbel mit ihrer Raucherei keinerlei Rücksicht auf mich nimmt. Manu dagegen schränkt sich wegen mir ein bisschen ein und raucht dafür mehr, wenn sie beim Vernehmer ist.
Das Leben in der Untersuchungshaftanstalt ist genau vorprogrammiert. Für alles gibt es Regeln und bestimmte Zeiten. Geweckt wird bei der Stasi — außer Samstag und Sonntag — um 5:30 Uhr. Ein schriller Hupton, der sich wie eine Schiffshupe anhört, reißt jeden brutal aus dem Schlaf. Danach geht in allen Zellen das Licht an. Das Waschen ist hier auch so eine Sache für sich! Nur kaltes Wasser aus der Leitung, Duschen einmal wöchentlich unter Aufsicht und Haarewaschen nur bei Gutdünken des Personals. Für die morgendliche Wäsche wird zunächst durch die Zellenluke warmes Wasser in unsere Emailleschüssel gegossen. Wenn wir uns anschließend waschen wollen, drücken wir auf einen Knopf links neben der Zellentür. Draußen geht dann eine Lampe an – das Zeichen für das überwiegend männliche Personal, nicht durch den Spion zu schauen. Wenn wir fertig sind, drücken wir wieder auf den Knopf. In den letzten Tagen hatten wir aber den Eindruck, dass sich die Uniformierten da draußen nicht an diese Regelung hielten. Ein kleiner Test sollte Gewissheit bringen.
Und wenn wir uns mal die Haare waschen wollen, müssen wir fast darum betteln. Zuerst müssen wir fragen, ob wir warmes Wasser haben können. „Mal sehn, wann wir das einrichten können“, ist meist die Antwort. Dann wird das Wasser wie am Morgen durch die Luke gegossen, in die Emailleschüssel. Unser Shampoo, Deos etc. verwalten ebenfalls die Schließer. Da wir nichts dergleichen in der Zelle haben dürfen, steht es draußen auf dem Gang in einem Schrank und wird uns nur auf Anfrage in die Zelle gereicht. Bescheuert! Das Waschbecken ist außerdem ziemlich klein, so dass der Akt des Haarewaschens kaum umständlicher sein könnte… Mit dem Zahnputzbecher die Haare abspülen und solche Scherze.
Duschen dürfen wir, wie schon gesagt, auch nur einmal pro Woche. Dabei werden wir von einer der wenigen Frauen in Uniform beobachtet. Wenn sie gutgelaunt ist, dürfen wir uns eventuell die Nägel schneiden. Eine Nagelfeile gibt es aber nicht. Der Duschvorgang ist auch immer mit dem Wäschetausch verbunden. Es gibt dann einen anderen, gewaschenen Trainingsanzug, Unterwäsche und so weiter. Außerdem werden wir jede Woche nach dem Duschen gewogen. Innerhalb der ersten Tage habe ich gleich vier Kilo abgenommen. Mich wundert bei dem Psychostress hier gar nichts mehr!
Die Zeit, in der wir duschen, nutzen die Wärter meist dazu die Zelle zu durchwühlen. Dabei gibt es bei uns gar nichts zu finden! Es ist ja sowieso alles verboten! Keine Stifte, kein Papier, keine spitzen Gegenstände. Nicht mal eine lumpige Haarspange oder ein Gummiband, um die Haare zusammenzubinden. Als ich kürzlich wieder mal nach einem Gummiband fragte, hat man mir ein Stück Wäschegummi andrehen wollen, das man sonst für Unterwäsche benutzt. Klasse!

Dienstag, 6. September 1988: Ausbeutung

nähmaschinen planetLetzte Woche hatten wir Spätschicht; diese Woche ist die Nachtschicht dran. Die ersten Arbeitstage habe ich schon überstanden… Unser Kommando arbeitet für einen Textilbetrieb namens „VEB Planet“. Daher auch der Name Planet II für unser Kommando. Es gibt drei verschiedene Planet-Kommandos, die sich mit der Früh-, Spät- und Nachtschicht abwechseln.
Die Arbeitshalle befindet sich im dritten Stock des Gebäudes, in dem auch die Speisesäle untergebracht sind. Zwischen Speisesälen und Planet ist das Esda-Stockwerk. Dort werden Strumpfhosen hergestellt. Die Esda-Leute arbeiten parallel zu uns ebenfalls in drei Schichten.
Alle Neuzugänge wie ich werden am ersten Arbeitstag von den ‚Lenkungskräften‘ (Zivilkräfte aus Stollberg, die die Produktion überwachen und uns zur Arbeit antreiben) eingeteilt. Entweder kommt man ins ‚Nähband‘ (da bin ich gelandet) oder ins ‚Spezialband‘. In unserer Abteilung werden Stoffbahnen zu Kopfkissen und Bettbezügen zusammengenäht. Zuerst werden sie von den Zuarbeitern gesäumt, anschließend schließen wir sie an den Seiten. Ich bin ab jetzt eine ‚Schließerin‘; Ramona säumt an einer gegenüberliegenden Maschine. Nach dem Schließen zählt die Vorarbeiterin die Bezüge, bevor sie ins Spezialband gelangen. Dort werden an Maschinen Knopflöcher genäht und Knöpfe befestigt. Die Bettwäsche durchläuft abschließend die TKO (technische Kontrolle) und wird dann zusammengelegt und verpackt.
Schön und gut. Als ich das erste Mal ins Nähband kam, wurde ich gefragt, ob ich schon mal an einer Nähmaschine gesessen hätte. Hatte ich nicht. „Hier, versuch mal ein paar gerade Nähte zu nähen“, wies mich Ines an. Ines ist unser ‚Bridscher‘ und ebenfalls Strafgefangene. Sie ist für die Führung des Arbeitskommandos zuständig. Ein Bridscher hat viele Privilegien und Beziehungen, hält engen Kontakt zur zuständigen ‚Erzieherin‘ und hat Einfluss auf die Verteilung der Arbeit. Ines entscheidet auch, wer zum Fernsehen gehen darf und kann der ‚Erzieherin‘ Vorschläge für die Zellenbelegung unterbreiten. Ein absoluter Luxusjob also. Klar, dass auf diesem Posten nur Lebenslängliche anzutreffen sind. Sie sind schon viele Jahre dabei, streben eine vorzeitige Entlassung an und sind linientreu. Selbst müssen sie nicht mitarbeiten. Sie kontrollieren nur, füllen die Tagespläne aus und bestrafen gegebenenfalls. Bezahlt werden sie nach Banddurchschnitt. Je besser wir arbeiten, umso mehr verdient sie und ihre Stellvertreterin, die Bandleiterin.
Nachdem ich ein paar gerade Nähte auf den Stoff gezaubert hatte, sollte ich mich an Kopfkissen versuchen. Ines erklärte mir das Einarbeitungssystem. Es gibt eine dreimonatige ‚Einlaufkurve‘. In dieser Zeit sind die Normen gestaffelt. Im ersten Monat sollte man 90 Bettbezüge pro Tagesschicht schließen, im zweiten Monat 170 Bezüge und nach der dritten Einlaufkurve wird die volle Norm von 287 (!) Bettbezügen bzw. 674 Kopfkissen erwartet. Diese Normvorgaben erscheinen mir absolut utopisch. Das ist überhaupt nicht zu schaffen! Ich arbeite schon rund um die Uhr, ohne eine einzige Pause, und schaffe gerade mal 60 oder 70 Stück! Die Maschinen sind, obwohl aus westdeutscher Produktion stammend, total veraltet, die Beleuchtung in der Halle ist eine Katastrophe und die Stühle sind ganz einfach schlecht. Schon nach drei Stunden Akkordarbeit habe ich schreckliche Rückenschmerzen. Dazu die monotone Arbeit: Immer die gleichen Handgriffe und Arbeitsabläufe. Gleichzeitig sitzen einem die Zuarbeiter, ja eigentlich das gesamt Nähband, im Nacken. Der Banddurchschnitt ist sehr wichtig, denn es herrscht untereinander große Konkurrenz. Wer die Norm nicht schafft – aus welchen Gründen auch immer – kann sich gleich erschießen. Diejenige wird dann von den anderen dermaßen fertig gemacht, dass ihr das Leben zur Hölle wird. Und dann gibt es noch die Konkurrenz unter den einzelnen Kommandos. Am Jahresende, so wurde mir berichtet, erhält nämlich das Kommando mit der höchsten Arbeitsproduktivität Auszeichnungen und Vergünstigungen. Deshalb wird hier wie blöd getuckert. Die Ausbeutung ist quasi selbstgemacht! Und der Staat streicht dabei jährlich etliche Milliarden Ost-Mark ein, die in den Strafvollzügen durch unsere Knochenarbeit erwirtschaftet werden.

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LESERFEEDBACK / REZENSIONEN

„Das Zeugnis von B. Schlicke belegt klar und unmissverständlich, dass die DDR ein Unrechtsstaat war. Auch zwanzig Jahre nach dem Fall der Mauer ist die Aufarbeitung der Verbrechen des totalitären DDR-Regimes längst nicht abgeschlossen. In ihrem Tagebuch belegt die Autorin die unfassbaren und menschenverachtenden Machenschaften von SED und Staatssicherheit. […] Wer heute behauptet, dass die DDR ein demokratischer Staat gewesen sei,  verklärt ihre mörderische Geschichte und hofiert alle Ewiggestrigen mit ihren Lügengeschichten. (Thomas Schneider, idea)

„Dieses persönliche Buch ist sehr bewegend und beschreibt auf eindringliche Art die Stasi-Verfolgung und die Zustände im Frauengefängnis Hoheneck. Ich empfehle das Buch allen, die sich für die Zustände in der DDR bis 1989 interessieren und auch vor allem jenen, die die DDR heute (wieder) durch eine rosa Brille wahrnehmen.“ (Amazon-Kunde)

„Das Buch ist unschätzbar wichtig und sollte jedem zu lesen gegeben werden, der die DDR immer noch für das „bessere Deutschland“ hält.“ (Amazon-Kundin)

„Ich habe dieses Buch in zwei Tagen durchgelesen – und in dieser Zeit jede freie Minute zum Lesen genutzt. Die autobiographischen Schilderungen von Frau Schlicke sind ungeheuer spannend und gleich in mehrfacher Hinsicht ein beeindruckendes Zeugnis: Ein Zeugnis der Widerwärtigkeit der Diktatur, aber auch ein Zeugnis ihres stellenweise unglaublich starken Willens und der Kraft, die ein Mensch auch in der scheinbar ausweglosesten Situation aus dem christlichen Glauben ziehen kann. So werden die Schilderungen abgerundet durch Zitate aus der Bibel und prominenter Glaubenszeugen wie Theresa von Avila oder Dietrich Bonhoeffer.“ (Leser-Feedback)

„Die Autorin hat mit sehr beeindruckender Sachlichkeit und Detailiertheit Ihre Erlebnisse im Zuchthaus Hoheneck niedergeschrieben. Für mich ein Meisterwerk des Details…  Auch ich war in politischer Haft in einem ostdeutschen Zuchthaus, und auf einmal hatte ich den Zuchthausgestank wieder in meiner Nase, hörte ich das Rasseln der Schlüssel beim Aufschliessen der Zellen, fror wie sie während der Transporte und spürte die Ohnmacht und Hilflosigkeit innerhalb der Mauern der Grausamkeit.“ (Leser-Feedback)

„Nochmals ein großes Lob und Dankeschön an dich, dass du wahr gemacht hast, was viele von uns in den langen Stunden des Eingesperrtseins gedacht oder gesagt haben: ‚Das müßte man aufschreiben, damit es nicht vergessen wird!'“ (Silke T.)

„Nachdem ich mit großen Interesse Ihr Buch gelesen habe, wuchs in mir das Bedürfnis Hoheneck zu besuchen, was ich dann letztes Jahr auch gemacht habe und ich muss gestehen es war noch schrecklicher, als ich es mir vorgestellt habe. Jemand wie ich, der nie etwas anderes als Freiheit kennen gelernt hat, kann sich nicht vorstellen, wie man so auch nur einen Tag, geschweige denn viele Jahre leben kann.“ (Wolfgang H.)

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Titel: Gefangen im Stasiknast
Autorin: Birgit Schlicke
ISBN: 978-3-86954-008-5

Seiten: 315
Ausgabe: Hardcover
Preis: 12,95 €

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