FR Schlössertour: Das Frauen-Verlies der DDR

20. Juli 2014

Hoheneck steht für ein dunkles Kapitel der deutsch-deutschen Geschichte. 40 Jahre lang waren hier politische Häftlinge eingesperrt. Am Sonntag lädt die „Freie Presse“ zum Rundgang durch das einstige Gefängnis ein, wo sich Zeitgeschichte und Zukunft begegnen sollen.

Stollberg. Als die Tür ins Schloss fällt, wird es stockdunkel. Einziger Orientierungspunkt ist ein winziges Guckloch, ringsum ist alles schwarz. Beklemmung macht sich breit. Dann klappert der Schlüssel. Theo Schreckenbach sperrt wieder auf und sagt: „Bis zu 21 Tage steckten die Häftlinge in der Dunkelzelle.“
Nebenan ein Raum, der nicht weniger Angst macht: eine Wasserzelle. Hier sollen die Insassen bis zu den Waden im Wasser gestanden haben. In einigen Berichten wird die Authentizität dieses Ortes angezweifelt, Schreckenbach kennt die widersprüchlichen Aussagen: „Eine Ex-Wärterin sagte mir: Das war unser Gemüsekeller.“ Eine andere wiederum habe die Beschreibung als Wasserzelle indirekt bestätigt. Schließlich eine Besucherin, die weinend in der Zelle stand. „Ihr Mann erzählte, dass seine Frau dort dreimal einen Tag eingesperrt war. Sie musste sich später operieren lassen, sie hat keine Kinder bekommen.“

Foto: Archiv der Stiftung zur Aufarbeitung der SED-Diktatur.

Foto: Archiv der Stiftung zur Aufarbeitung der SED-Diktatur.

Theo Schreckenbach, Jahrgang 1934, hat schon Hunderte Menschen durch die ehemalige Haftanstalt geführt. Er sagt: „Ich habe das für mich als Verpflichtung erkannt.“ Sein Vater war 1945 knapp sieben Wochen lang in Hoheneck inhaftiert. Damals hatten hier die sowjetischen Besatzer das Sagen. 1950 begann dann das dunkle Kapitel in der Geschichte des Hauses, das den Stollberger Rentner bis heute umtreibt. Am Sonntag öffnet die „Freie Presse“ zum Auftakt ihrer diesjährigen Schlössertour das ehemalige Frauengefängnis. Dann werden Schreckenbachs Kollegen vom Förderverein Gedenkstätte Stollberg – Frauenhaftanstalt Hoheneck Besucher auf Rundgängen durch das Haus begleiten.
Es waren ausschließlich Frauen, unter ihnen viele politische Gefangene, die die DDR auf Hoheneck einsperrte. Der Ort ist heute ein Synonym für Willkür und demütigende, lange Zeit auch unmenschliche Haftbedingungen. Bis 1960 bekamen die Inhaftierten Eimer, um ihre Notdurft zu verrichten, bis 1976 nur kaltes Wasser zum Waschen. Jede dritte Frau war hier wegen politischer Delikte wie „staatsfeindliche Hetze“, „versuchte Republikflucht“ oder „illegale Kontaktaufnahme“ inhaftiert – unter ihnen auch Jutta Gallus, „die Frau vom Checkpoint Charlie“.

Seit der Freistaat Sachsen das Gefängnis im Frühjahr 2001 aufgab, ringt die Stadt Stollberg um eine neue Nutzung für das baufällige Gebäude – und um eine angemessene Bewahrung der Geschichte des Haftortes. Ein saarländischer Unternehmer, der die Immobilie kaufte, wollte einen Freizeit- und Erholungskomplex schaffen – eine Art Eventhotel, in dem sich die Gäste einschließen lassen können, um das Leben als Häftling hautnah zu spüren. Opferverbände protestierten, das Nutzungskonzept platzte. Stollbergs Oberbürgermeister Marcel Schmidt spricht von medialen Missverständnissen und Übertreibungen. Aber grundsätzlich verteidigt er unorthodoxe Ideen zur Vermittlung von Zeitgeschichte: „Manchmal muss man auch provozieren, um Interesse zu wecken.“ Zu Himmelfahrt 2004 hatte der damalige Schlossbesitzer Bernhard Freiberger einen „Männertag im Frauenknast“ organisiert. „An zwei Wochenenden kamen damals 30.000 Leute. Und die haben sich sehr ernsthaft mit dem Thema auseinandergesetzt“, sagt Schmidt.

Die Stadt Stollberg will mit der künftigen Nutzung des Hauses an die Geschichte erinnern – und eine Brücke in die Zukunft schlagen: Noch in diesem Jahr sollen die 5,4 Millionen Euro teuren Aus- und Umbauarbeiten beginnen, die der Freistaat zu 80 Prozent fördert. Hoheneck soll künftig eine Gedenkstätte für das Frauengefängnis beherbergen. Zudem wird 2016 die Wissenschaftsausstellung „Phänomenia“ aus Glauchau nach Stollberg umziehen und in Zusammenarbeit mit der TU Chemnitz konzeptionell neu aufgestellt. „Für Grundschulklassen soll es außerschulischen Unterricht geben. Auch für Lehrer soll die Ausstellung attraktiv werden“, sagt OB Schmidt.

Schloss Hoheneck – so heißt der ehemalige Haftort im Volksmund. Kritiker sagen, Hoheneck sei kein Schloss. Rundgänge innerhalb einer Schlössertour sind damit auch ein politisches Statement – dass die Erinnerung an unterschiedliche Epochen in der Geschichte des Ortes unter dem Dach des einstigen Gefängnisses möglich sind.

Die Stadt will behutsam den Blick weiten: Als das damalige Schloss im 17. Jahrhundert schon einmal als Untersuchungsgefängnis genutzt wurde, entstand ein neuer Bergfried, der Uhrenturm im Hohen Eck. Von diesem leitete sich der Name des Gebäudes und der späteren Siedlung ab. Der Turm soll für Besucher begehbar gemacht werden. „Zum ersten Mal seit 150 Jahren“, sagt der Oberbürgermeister, „könnte man dann den fantastischen Ausblick in die Umgebung genießen.“

Freie Presse, erschienen am 20.07.2014

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Zwangsarbeit für den Westexport

18. Juli 2014

Tausende Häftlinge wurden in der DDR zu dreckiger und zermürbender Arbeit gezwungen. Unter ihnen war auch Edda Sperling, die wegen Westkontakten in Hoheneck inhaftiert war. Sie musste Bettwäsche nähen und Metallteile drehen. „Wer das verweigerte, wurde in den Arrest gesteckt“, sagt die 60-jährige gelernte OP-Schwester. Sie lebt heute von Hartz
IV und fühlt sich alleingelassen.

In 600 Volkseigenen Betrieben wurden die Häftlinge eingesetzt. Das sagt Christian Sachse, Autor einer neuen Studie zur Zwangsarbeit in der DDR. Angenommen wird, dass bis zu 280.000 politische Insassen in die Produktion geschickt wurden, darunter viele aus Hoheneck. Dort mussten die Frauen im Dreischichtsystem arbeiten, zum Beispiel in der Strumpf- und Bettwäscheproduktion für den Westexport.

Der Westen profitierte kräftig: Viele Firmen bezogen Knastprodukte, ohne kritisch nachzufragen – obwohl es genügend Verdachtsmomente gab. Rainer Wagner, Vorsitzender der Union Opferverbände kommunistischer Gewaltherrschaft, der die Studie in Auftrag gab, sagt: „Die Firmen sollen ihre moralische Verantwortung wahrnehmen.“ Die Unternehmen rissen sich um die billigen Arbeitskräfte aus den Gefängnissen. Das wird in der rund 500 Seiten umfassenden Untersuchung deutlich. „Gefangene wurden als Arbeitskräfte extra angefordert, sie waren fest eingeplant“, sagt Wissenschaftler Sachse. Für ihre Versorgung waren nur drei Ost-Mark pro Tag eingeplant.

Die Betroffenen haben die Zwangsarbeit aber durchaus unterschiedlich erlebt. Angelika Cholewa saß ebenfalls im Frauengefängnis Hoheneck. Nach monatelanger, einsamer Untersuchungshaft habe sie wieder etwas tun können, sagt sie heute rückblickend. Die Arbeit sei wie ein Pflaster für ihre wunde Seele gewesen. (dpa)

Von der Stahleburg zur Weiberzuchtanstalt

Im Mittelalter wurde auf dem heutigen Schlossgelände eine Burg errichtet, um die Wege nach Böhmen zu sichern. Die Stahleburg, im 13. Jahrhundert erstmals urkundlich erwähnt, gab der Stadt Stollberg ihren Namen.

Im 16. Jahrhundert sollte Hoheneck als Jagdschloss für August I. ausgebaut werden, da die Gegend als wildreich galt. Doch der Kurfürst ließ schließlich Schloss Augustusburg errichten. Die Burg in Stollberg verfiel.

Für den Bau eines Gefängnisses wurden die Burgreste 1862 abgerissen, 1864 kamen die ersten Insassen in die Königlich-Sächsische Weiberzuchtanstalt Hoheneck. Die Nationalsozialisten nutzten das Gefängnis kurzzeitig für politische „Schutzhaft“, später als Zuchthaus.

Nach dem Zweiten Weltkrieg saßen in Hoheneck auch Mitglieder von NS-Organisationen ein. Im Februar 1950 begann die jahrzehntelange Geschichte als DDR-Frauengefängnis.

Von 1990 bis 2001 blieb Hoheneck Sachsens einziges Frauengefängnis.

2003 verkaufte der Freistaat den Gebäudekomplex an einen saarländischen Geschäftsmann. Er wollte das Areal zu einem Freizeitkomplex machen, scheiterte aber an wirtschaftlichen Schwierigkeiten und dem Widerstand der Opferverbände.

Seit Anfang 2014 gehört Hoheneck der Stadt Stollberg. Geplant sind Aus- und Umbau für eine Gedenkstätte und der Einzug einer Glauchauer Wissenschaftsausstellung. (oha)

Quelle: Oliver Hach, FREIE PRESSE, erschienen am 18.07.2014


Ikea-Möbel sollen in DDR-Gefängnissen produziert worden sein

3. Juni 2012

Dem schwedischen Möbelhändler wird vorgeworfen, in DDR-Gefängnissen produziert zu haben. Die Konzernverantwortlichen sind schockiert und wollen Aufklärung.

Es ist kalt und dunkel. Kein Kontakt, kein Buch, kein Blatt Papier, nur eine Pritsche und ein Klo. Birgit Schlicke beschreibt die Arrestzelle im DDR-Frauengefängnis in Hoheneck in Sachsen. „Wer nicht arbeiten wollte, kam sofort in die Isolationshaft“, sagt die 43-Jährige im Gespräch mit unserer Zeitung. Für Schlicke und die etwa 500 Frauen in Hoheneck bedeutete das Nähen im Akkord. 287 Bettbezüge in acht Stunden war die Vorgabe.

Geld gab es kaum. 1989 endete die Haft für die politische Gefangene Schlicke. Doch bereits ein Jahr später wurde sie von ihrer Vergangenheit eingeholt: Sie fand ihre Bettwäsche wieder – in einem Neckermann-Katalog.

Auch Neckermann sieht sich Vorwürfen ausgesetzt

Der Versandhändler ist kein Einzelfall. Mehreren Westunternehmen wird 23 Jahre nach dem Mauerfall vorgeworfen, an der Zwangsarbeit von DDR-Häftlingen verdient zu haben. Sie sollen billige Waren aus dem Nachbarstaat bezogen und sie günstig im Westen verkauft haben. Neben Neckermann sieht sich auch Ikea mit solchen Vorwürfen konfrontiert.

Die Diskussion war durch eine schwedische Fernsehdokumentation angestoßen worden. Die Journalisten hatten berichtet, dass im „Zuchthaus“ Waldheim in Sachsen Teile für Ikea-Sofas hergestellt worden waren. Auch das berühmte Billy-Regal sei teilweise „made in GDR“ (die englische Übersetzung für DDR). Teile für Bürostühle sollen ebenfalls in Ostdeutschland entstanden sein. Das berichtet Alexander Arnold. Er war 1983 elf Monate im Gefängnis in Naumburg an der Saale inhaftiert, weil er Flugblätter gegen die Aufrüstung mit Atomwaffen in Ost und West verteilt hatte. Er arbeitete in der etwa 20 Minuten entfernten Firma Mewa. Arnold erinnert sich: „Die Arbeitsbedingungen waren schrecklich.“

Schreckliche Arbeitsbedingungen

In der fensterlosen Halle mussten die Insassen an veralteten Stanzmaschinen von 1912 schuften. Arnolds Stimme stockt, wenn er erzählt, dass jegliche Sicherheitsvorkehrungen abgebaut waren, damit die Maschinen mehr Stückzahl bewältigten. „Die Zivilmeister haben uns gesteckt, dass wir für Ikea arbeiten“, sagt Arnold. „Wer unter 80 Prozent des Solls lag, galt als Saboteur“, erinnert er sich. „Der kam zehn Tage in die sogenannte Mumpe.“ Das waren Dunkelzellen im Keller. Wer die Arbeit gar verweigerte, wurde in das Dachgeschoss gesperrt. Was dort passierte, weiß der 51-Jährige nur aus Erzählungen: Dort lag man an Händen und Füßen ans Bett gefesselt, 23 Stunden am Tag, angezogen mit einem speziellen Overall. „Dreimal am Tag wurde man dann für 20 Minuten losgelassen, in denen man essen, sich waschen und auf die Toilette durfte, wenn man es denn schaffte, das neben den Schließern zu erledigen. Der Overall war für die, die es nicht schafften und dann in ihren eigenen Fäkalien liegen mussten.“

Ikea-Führung will Aufklärung

Die Ikea-Verantwortlichen sind über diese Schilderungen schockiert. Der Konzern reagiert und Ikea-Sprecherin Sabine Nold kündigt an, die Nachforschungen, die zu diesem Thema ohnehin laufen, zu beschleunigen: „Wir nehmen das Thema sehr ernst.“ Allerdings werde das Unternehmen hauptsächlich mit Behauptungen konfrontiert. Handfeste Beweise gebe es bislang kaum. Die Bundesbehörde für Stasi-Unterlagen bestätigt, dass Ikea eine Anfrage gestartet hat: „Ikea nimmt hier klar eine Vorreiterrolle ein“, sagte eine Sprecherin.

Auch Neckermann will aufklären. Der Versandhändler räumt zwar ein, zu DDR-Zeiten Waren verschiedenster Art, wie Spielzeug, Möbel und Textilien, von DDR-Lieferanten bezogen zu haben. Allerdings betont Neckermann-Sprecherin Anne Putz: „Über die Produktionsbedingungen und die Herkunft der Waren lagen nach jetzigem Sachstand damals keine Informationen vor.“

Ex-Hoheneck-Gefangene Birgit Schlicke sagt hingegen, dass den meisten Insassen bewusst gewesen sei, dass die Bettwäsche nicht für die DDR bestimmt war. Schlicke erinnert sich: „Wir wussten ja, was es in den Geschäften im Osten gab. Und die Bettwäsche, die wir hergestellt haben, war viel bunter und das Material viel hochwertiger als in der DDR.“

Auch ein CDU-Politiker war unter den Zwangsarbeitern. Dieter Dombrowski und die etwa 1300 hauptsächlich politisch Inhaftierten im Gefängnis in Cottbus stellten für den volkseigenen Betrieb (VEB) Pentacon Gehäuse von Praktica-Kameras her. Der heutige CDU-Generalsekretär Brandenburgs saß von April 1974 bis Dezember 1975 in Haft, weil er versucht hatte, die DDR zu verlassen. 20 Ostmark habe er damals im Schnitt pro Monat verdient. Das entspricht heute ungefähr drei Euro. Die Gefangenen mussten auch mit minderwertigem Werkzeug und schlechten Sicherheitsvorkehrungen zurechtkommen. Die Zwangsarbeit war ein sehr lukratives Geschäft: „Die Gewinnspannen der Westunternehmen waren exorbitant hoch“, ist sich Dombrowski sicher. Dass in Cottbus Häftlinge für die VEB Pentacon produzieren mussten, ist von Historikern belegt. Darauf verweist auch der heutige Nachfolger des Betriebs: Die 1997 neu gegründete Pentacon GmbH. Ein Sprecher sagt: „Wir bedauern das Schicksal der Betroffenen.“ Er stellt jedoch klar: „Wir sind allerdings nicht Rechtsnachfolger der damaligen VEB Pentacon.“

Zehntausende politische Gefangene saßen in Haft und arbeiteten

Zehntausende politische Gefangene saßen einst in DDR-Gefängnissen und arbeiteten. So hoch schätzt der Geschäftsführer der Internationalen Gesellschaft für Menschenrechte, Karl Hafen, diese Zahl. Etwa 30 000 hat die Bundesrepublik seit 1968 aus der DDR freigekauft. Die Gesellschaft hat sie betreut. Dass Zwangsarbeiter auch Produkte hergestellt haben, die später in Westdeutschland verkauft wurden, war bekannt. Allerdings: „Wir hatten damals andere Sorgen. Wir wollten die Leute da rauskriegen“, sagt Hafen. Den Betroffenen geht es nicht um Geld, sondern um Aufklärung und eine Entschuldigung. Für sie ist klar, dass sie ausgebeutet wurden. „Ich war rechtswidrig inhaftiert und bin zur Arbeit gezwungen worden“, sagt Dombrowski. „Die Arbeit war zwar Zwang, aber der einzige Auslauf“ aus der 44 Quadratmeter großen Zelle, in der 28 Männer untergebracht waren. Und immer noch besser als die Alternative: Isolationshaft in einer kalten, dunklen Arrestzelle.

Quelle: Augsburger Allgemeine Zeitung, Daniela Deeg, 2. Juni 2012


„Das Unrecht verfolgt mich – bis an mein Lebensende“

17. März 2012

Ein warmer Sommertag im August 1985. Eine Frau eilt über den überfüllten Bahnhof Friedrichstraße. Sie ist aufgeregt, immer wieder sucht sie mit ihren Blicken den Bahnsteig ab. Dann endlich bringt ihn das Deutsche Rote Kreuz, ihren Thomas.

Der Sechsjährige verschwindet fast hinter dem Riesenteddy, einem Geschenk seiner Mutter. Zweieinhalb Jahre hat Monika Schneider ihren Sohn nicht gesehen. Etwas über drei war er, als sie wegen versuchter Republikflucht ins Gefängnis kam.

Im Januar 1983 wird Monika Schneider in Prag verhaftet. Die Ostberlinerin hat sich dort mit ihrem Freund aus dem Westen getroffen, der sie zur Flucht überreden will. Ihr Arbeitskollege, ein Stasispitzel, hat die Pläne verraten. Das Gericht in Frankfurt/Oder verurteilt Monika Schneider zu zwei Jahren und sechs Monaten Haft. Im April 1984 kommt sie nach Hoheneck, in das berüchtigte Frauenzuchthaus der DDR. In der mächtigen Burg, hoch über dem kleinen sächsischen Städtchen Stollberg gelegen, sind politische Gefangene zusammen mit Kriminellen inhaftiert. Es ist kalt, die Zellen sind überfüllt, die sanitären Verhältnisse katastrophal. Für zwölf Frauen gibt es eine Toilette und drei Waschbecken. Das Essen ist karg: dünne Kohl- oder Möhrensuppe, gebratenes Blut, die Kartoffeln verschimmelt. Und die Frauen müssen hart arbeiten: in der Gefängnisnäherei zum Beispiel. Wer die Vorgaben – pro 8-Stunden-Schicht 287 Bettbezüge, bei den Kopfkissen liegt die Tagesnorm bei über 600 Stück – nicht erfüllt, bekommt nur ein paar Pfennige bezahlt. Wer die Arbeit verweigert, landet im Arrest, den berüchtigten dunklen, eiskalten Einzelzellen im Keller, in denen es nur Wasser und Brot gibt. Und die „Politischen“ landen dort noch ein bisschen häufiger als die anderen Inhaftierten, denn für das Wachpersonal sind sie die unterste Stufe der Gefängnishierarchie. Sie werden am schlechtesten behandelt.

Doch schlimmer noch als die Haftbedingungen ist für Monika Schneider die Ungewissheit, was mit ihren Kindern passiert ist. Sie erfährt schließlich, dass ihr älterer Sohn Dirk (damals 8) bei ihren Eltern lebt. Thomas, der Kleinere, ist in ein Heim gebracht worden. Die Gefängnisleitung fordert Monika Schneider auf, die Kinder zur Adoption freizugeben. Sie sollen bei Systemtreuen eine sozialistische Erziehung bekommen. Die gelernte Industrieschneiderin lehnt ab.

Übergabe auf dem Bahnhof

Als sie Anfang 1985 in Abschiebehaft kommt, stellt sie sofort einen Ausreiseantrag für ihre Kinder. Doch Dirk darf die DDR nicht verlassen. Die Großeltern erhalten das Erziehungsrecht. Thomas wird ihr vier Monate später vom Deutschen Roten Kreuz in der Friedrichstraße übergeben. „Ich habe ihn auf dem Bahnhof sofort erkannt, er mich nicht“, erinnert sich die 56-Jährige, die heute als Sachbearbeiterin am Gericht arbeitet. „Zuhause hat er dann ganz still bei mir auf dem Schoß gesessen und mich mit großen Augen angeschaut und – ich habe nur geheult.“

Thomas Jährling hat über seine Zeit in dem Kinderheim bei Bautzen nie geredet, mit seiner Mutter sowieso nicht. „Bringt das was? Das ist Vergangenheit, und die kann ich nicht ändern“, sagt der inzwischen 32-Jährige, der als Trockenbauer in Berlin arbeitet. Seiner Mutter hat er keine Vorwürfe gemacht, obwohl sie mit dem Fluchtversuch riskiert hat, dass er und sein Bruder Dirk ins Kinderheim kommen. Was er allerdings bis heute nicht versteht, ist, dass sein Bruder bei den Großeltern leben durfte und er im Heim sein musste. Dort herrschten strenge Regeln, und es wurde auch geprügelt, erzählt er.

Monika Schneider, die mit ihrem zweiten Mann in Reinickendorf wohnt, weiß nicht, ob sie die geplante Flucht wirklich durchgezogen hätte. „Und wäre es alles anders gewesen, wenn ich nicht verhaftet worden wäre?“ Eine Frage, die niemand beantworten kann. Auch wenn Thomas sagt: „Auf meine Mama lass‘ ich nichts kommen“, war das Verhältnis der beiden über Jahre schwierig. „An Thomas war kein Rankommen. Ich wusste nie, was er wirklich denkt“, berichtet Monika Schneider. „Er hat immer nur das gesagt, was wir hören sollten.“ Es gab Probleme in der Schule, in der Lehre, später einen Riesenkrach. Worum es ging, darüber wollen Mutter und Sohn heute nicht mehr sprechen. Danach hat sie Thomas, obwohl er nur um die Ecke wohnte, ein Jahr nicht gesehen. Inzwischen sind sie versöhnt.

Dirk, ihren Großen, sah sie erst sechs Jahre später, nach dem Mauerfall, wieder. „Plötzlich stand er vor meiner Tür, wir sind uns um den Hals gefallen. Es war wie in einem Hollywood-Film“, sagt Monika Schneider. Ein Mutter-Sohn-Verhältnis haben sie allerdings nicht: „Wir sind eher gute Kumpels.“ Heute lebt Dirk mit seiner Familie in der Schweiz.

Tausende Frauen waren von 1950 bis 1989 als „Politische“ in Hoheneck inhaftiert. Viele Familien sind dadurch und danach zerbrochen. So wie bei Anita Goßler. Die heute 78-Jährige wird im Mai 1953 zu fünf Jahren verurteilt, weil ihr Freund eine alte Pistole hat. Waffenbesitz ist in der DDR verboten. Nach der Verhaftung kommt Anita Goßler fünf Monate in Einzelhaft, wird immer wieder verhört. Die 20-Jährige glaubt schwanger zu sein, doch eine ärztliche Untersuchung wird ihr verweigert. Einige Monate später bekommt Anita Goßler im Gefängniskrankenhaus in Leipzig-Meusdorf eine Tochter – Ute.

Als Anita Goßler im Februar 1954 nach Hoheneck gebracht wird, muss sie ihr Kind zurücklassen – wie die anderen verurteilten 19 Frauen, die in Meusdorf ein Kind geboren haben. Ute kommt in ein Kinderheim, ihre Mutter wird aufgefordert, ihre Tochter zur Adoption freizugeben. Anita Goßler lehnt ab. Ihre Strafe: die berüchtigte Wasserzelle in Hoheneck. Dort stehen die Frauen barfuß in einem düsteren Raum, eiskaltes Wasser kommt aus Düsen im Boden. Das Wasser steigt und steigt, erst nach einer Weile läuft es wieder ab. Und irgendwann kommt die nächste Welle.

Nach der vorzeitigen Entlassung im September 1956 beantragt Anita Goßler Familienzusammenführung mit ihrer Mutter, die inzwischen im Westen lebte. Sie heiratet ihren Freund Günther. Gemeinsam versuchen sie ab 1957 immer wieder, mit Hilfe des Deutschen Roten Kreuzes nach Ute zu suchen. Sie erfahren, dass das Mädchen inzwischen bei dem Heimleiter-Ehepaar lebt.

In den kommenden Jahren bekommen Anita und Günther Goßler vier weitere Töchter. Ute lehnt es immer ab, zu den Eltern nach West-Berlin zu gehen. Als sie 18 wird und damit volljährig, gibt es keine rechtliche Grundlage mehr für eine Familienzusammenführung. Erst 1992 kommt es zu einem Treffen der beiden Frauen in Leipzig. Ute, inzwischen 39, begegnet ihrer Mutter mit großer Ablehnung. „,Glaub‘ bloß nicht, dass ich dich Mutti nenne‘ waren ihre ersten Worte“, berichtet Anita Goßler, „und ich habe ihr geantwortet: ,Das brauchst du doch auch nicht, aber wir können doch Freunde werden.'“ „Das glaube ich nicht“, sagte Ute. Und geht.

Anita Goßler kämpft mit den Tränen, während sie mit leiser Stimme weiter erzählt. Immer wieder versuchte sie ihrer Tochter zu erklären, dass sie unschuldig im DDR-Gefängnis war. Doch das will Ute nicht akzeptieren. „Wer in der DDR nichts verbrochen hatte, ist auch nicht eingesperrt worden, das war ihre Meinung. Die sozialistische Erziehung hat eben gut funktioniert“, sagt Anita Goßler. Selbst die spätere Rehabilitierung der Mutter kann Ute nicht überzeugen. Auch die Versuche der anderen Goßler-Töchter, mit der großen Schwester Kontakt aufzunehmen, verlaufen im Sande. 2006 schreibt Anita Goßler an Ute, dass sie ihre Stasi-Akte beantragen will. Seitdem ist der Kontakt gänzlich abgebrochen. Ihre Mutter weiß nur, dass sie inzwischen auch eine Tochter hat und geschieden ist. Was Anita Goßler dann sagt, klingt hart. Es passt so gar nicht zu dieser sanften Frau, und doch macht ihre Lebensgeschichte den Satz verständlich: „Ich hätte der Adoption damals zustimmen sollen, dann hätte ich die Vergangenheit abschließen können. So verfolgt mich das Unrecht der DDR – bis an mein Lebensende.“

Hannelore Höfelmayr und ihre Tochter Ina Jaekel haben mehr Glück, wenn man in so einer Situation überhaupt von Glück reden kann. Sie sind gemeinsam in Hoheneck inhaftiert und kommen zusammen in eine Zelle. Höfelmayrs, die in Thüringen leben, schmieden jahrelang Fluchtpläne. Sie fühlen sich in der DDR unfrei und bevormundet. Sie wollen allerdings warten, bis Ina und ihr Bruder alt genug sind, so dass sie nicht in einem DDR-Kinderheim landen, wenn die Flucht scheitert. 1983 versuchen Höfelmayrs schließlich, einen Weg über die grüne Grenze in der CSSR zu finden. Erfolglos. Danach sprechen sie bei der österreichischen Botschaft in Ost-Berlin vor und erfahren, dass sie einen Ausreisantrag brauchen. Am 21. März stellen sie in Eisenach den Antrag – im März 1984 wird die gesamte Familie verhaftet.

In der U-Haft hört Hannelore Höfelmayr ihre 18-jährige Tochter in der Zelle gegenüber weinen und schreien. “ Lasst mich zu ihr“, bittet sie. Doch die Wächterin herrscht sie an: „Du Rabenmutter, hast dein Kind in den Knast gebracht und nu winselst du.“ Wegen versuchter Republikflucht wird Hannelore Höfelmayr im Juli zu einem Jahr und sechs Monaten verurteilt, ihr Mann zu einem Jahr und neun Monaten, Ina zu einem Jahr, der Sohn zu acht Monaten.

Kurz darauf kommen Mutter und Tochter nach Hoheneck. „Es war ein Geschenk des Himmels, dass ich mit meiner Mutter zusammen sein konnte“, erzählt Ina Jaekel. „Ich war noch so naiv und diese ganze finstere Szenerie in Hoheneck machte mir unendlich viel Angst.“ Ihre Mutter erlebt die heute 46-Jährige, inzwischen selbstständige Unternehmerin in Potsdam, als mutig und selbstbewusst, „so wie ich sie immer kannte.“ Auch Hannelore Höfelmayr hat Angst. Aber sie lässt es sich nicht anmerken. Sie will stark sein, für ihre Tochter. „Meine größte Sorge war immer, dass Ina und ich getrennt werden“, sagt die heute 65-Jährige, die als Rentnerin in Charlottenburg lebt. Mutter und Tochter haben noch einmal Glück. Sie werden nach wenigen Monaten im Zuchthaus vom Westen freigekauft. Die Haft hat sie zusammengeschweißt. Beide reden auch danach immer wieder über Hoheneck, das tut ihnen gut. Die Männer der Familie haben dieses Glück nicht. „Sie haben die Zeit des Eingesperrtseins nie verarbeitet“, sagt Ina Jaekel. Letztlich ist die Ehe ihrer Mutter zwei Jahre später an dieser Sprachlosigkeit zerbrochen.

Mehr über die Schicksale ehemaliger Hoheneckerinnen und ihrer Familien lesen Sie in „Der dunkle Ort – 25 Schicksale aus dem DDR-Frauengefängnis Hoheneck“ von Dirk von Nayhauß und Maggie Riepl, Be.Bra Verlag, 19,95 Euro. Bis zum 3. April ist in der Heinrich Böll Stiftung, Schumannstraße 8 in Mitte, die begleitende Ausstellung „Das Frauengefängnis Hoheneck“ zu sehen. Mo. bis Fr. 8 bis 18 Uhr, Eintritt frei.

Quelle: Berliner Morgenpost / Maggie Riepl, 10.3.2012