FR Schlössertour: Das Frauen-Verlies der DDR

Hoheneck steht für ein dunkles Kapitel der deutsch-deutschen Geschichte. 40 Jahre lang waren hier politische Häftlinge eingesperrt. Am Sonntag lädt die „Freie Presse“ zum Rundgang durch das einstige Gefängnis ein, wo sich Zeitgeschichte und Zukunft begegnen sollen.

Stollberg. Als die Tür ins Schloss fällt, wird es stockdunkel. Einziger Orientierungspunkt ist ein winziges Guckloch, ringsum ist alles schwarz. Beklemmung macht sich breit. Dann klappert der Schlüssel. Theo Schreckenbach sperrt wieder auf und sagt: „Bis zu 21 Tage steckten die Häftlinge in der Dunkelzelle.“
Nebenan ein Raum, der nicht weniger Angst macht: eine Wasserzelle. Hier sollen die Insassen bis zu den Waden im Wasser gestanden haben. In einigen Berichten wird die Authentizität dieses Ortes angezweifelt, Schreckenbach kennt die widersprüchlichen Aussagen: „Eine Ex-Wärterin sagte mir: Das war unser Gemüsekeller.“ Eine andere wiederum habe die Beschreibung als Wasserzelle indirekt bestätigt. Schließlich eine Besucherin, die weinend in der Zelle stand. „Ihr Mann erzählte, dass seine Frau dort dreimal einen Tag eingesperrt war. Sie musste sich später operieren lassen, sie hat keine Kinder bekommen.“

Foto: Archiv der Stiftung zur Aufarbeitung der SED-Diktatur.

Foto: Archiv der Stiftung zur Aufarbeitung der SED-Diktatur.

Theo Schreckenbach, Jahrgang 1934, hat schon Hunderte Menschen durch die ehemalige Haftanstalt geführt. Er sagt: „Ich habe das für mich als Verpflichtung erkannt.“ Sein Vater war 1945 knapp sieben Wochen lang in Hoheneck inhaftiert. Damals hatten hier die sowjetischen Besatzer das Sagen. 1950 begann dann das dunkle Kapitel in der Geschichte des Hauses, das den Stollberger Rentner bis heute umtreibt. Am Sonntag öffnet die „Freie Presse“ zum Auftakt ihrer diesjährigen Schlössertour das ehemalige Frauengefängnis. Dann werden Schreckenbachs Kollegen vom Förderverein Gedenkstätte Stollberg – Frauenhaftanstalt Hoheneck Besucher auf Rundgängen durch das Haus begleiten.
Es waren ausschließlich Frauen, unter ihnen viele politische Gefangene, die die DDR auf Hoheneck einsperrte. Der Ort ist heute ein Synonym für Willkür und demütigende, lange Zeit auch unmenschliche Haftbedingungen. Bis 1960 bekamen die Inhaftierten Eimer, um ihre Notdurft zu verrichten, bis 1976 nur kaltes Wasser zum Waschen. Jede dritte Frau war hier wegen politischer Delikte wie „staatsfeindliche Hetze“, „versuchte Republikflucht“ oder „illegale Kontaktaufnahme“ inhaftiert – unter ihnen auch Jutta Gallus, „die Frau vom Checkpoint Charlie“.

Seit der Freistaat Sachsen das Gefängnis im Frühjahr 2001 aufgab, ringt die Stadt Stollberg um eine neue Nutzung für das baufällige Gebäude – und um eine angemessene Bewahrung der Geschichte des Haftortes. Ein saarländischer Unternehmer, der die Immobilie kaufte, wollte einen Freizeit- und Erholungskomplex schaffen – eine Art Eventhotel, in dem sich die Gäste einschließen lassen können, um das Leben als Häftling hautnah zu spüren. Opferverbände protestierten, das Nutzungskonzept platzte. Stollbergs Oberbürgermeister Marcel Schmidt spricht von medialen Missverständnissen und Übertreibungen. Aber grundsätzlich verteidigt er unorthodoxe Ideen zur Vermittlung von Zeitgeschichte: „Manchmal muss man auch provozieren, um Interesse zu wecken.“ Zu Himmelfahrt 2004 hatte der damalige Schlossbesitzer Bernhard Freiberger einen „Männertag im Frauenknast“ organisiert. „An zwei Wochenenden kamen damals 30.000 Leute. Und die haben sich sehr ernsthaft mit dem Thema auseinandergesetzt“, sagt Schmidt.

Die Stadt Stollberg will mit der künftigen Nutzung des Hauses an die Geschichte erinnern – und eine Brücke in die Zukunft schlagen: Noch in diesem Jahr sollen die 5,4 Millionen Euro teuren Aus- und Umbauarbeiten beginnen, die der Freistaat zu 80 Prozent fördert. Hoheneck soll künftig eine Gedenkstätte für das Frauengefängnis beherbergen. Zudem wird 2016 die Wissenschaftsausstellung „Phänomenia“ aus Glauchau nach Stollberg umziehen und in Zusammenarbeit mit der TU Chemnitz konzeptionell neu aufgestellt. „Für Grundschulklassen soll es außerschulischen Unterricht geben. Auch für Lehrer soll die Ausstellung attraktiv werden“, sagt OB Schmidt.

Schloss Hoheneck – so heißt der ehemalige Haftort im Volksmund. Kritiker sagen, Hoheneck sei kein Schloss. Rundgänge innerhalb einer Schlössertour sind damit auch ein politisches Statement – dass die Erinnerung an unterschiedliche Epochen in der Geschichte des Ortes unter dem Dach des einstigen Gefängnisses möglich sind.

Die Stadt will behutsam den Blick weiten: Als das damalige Schloss im 17. Jahrhundert schon einmal als Untersuchungsgefängnis genutzt wurde, entstand ein neuer Bergfried, der Uhrenturm im Hohen Eck. Von diesem leitete sich der Name des Gebäudes und der späteren Siedlung ab. Der Turm soll für Besucher begehbar gemacht werden. „Zum ersten Mal seit 150 Jahren“, sagt der Oberbürgermeister, „könnte man dann den fantastischen Ausblick in die Umgebung genießen.“

Freie Presse, erschienen am 20.07.2014

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