„Das Unrecht verfolgt mich – bis an mein Lebensende“

Ein warmer Sommertag im August 1985. Eine Frau eilt über den überfüllten Bahnhof Friedrichstraße. Sie ist aufgeregt, immer wieder sucht sie mit ihren Blicken den Bahnsteig ab. Dann endlich bringt ihn das Deutsche Rote Kreuz, ihren Thomas.

Der Sechsjährige verschwindet fast hinter dem Riesenteddy, einem Geschenk seiner Mutter. Zweieinhalb Jahre hat Monika Schneider ihren Sohn nicht gesehen. Etwas über drei war er, als sie wegen versuchter Republikflucht ins Gefängnis kam.

Im Januar 1983 wird Monika Schneider in Prag verhaftet. Die Ostberlinerin hat sich dort mit ihrem Freund aus dem Westen getroffen, der sie zur Flucht überreden will. Ihr Arbeitskollege, ein Stasispitzel, hat die Pläne verraten. Das Gericht in Frankfurt/Oder verurteilt Monika Schneider zu zwei Jahren und sechs Monaten Haft. Im April 1984 kommt sie nach Hoheneck, in das berüchtigte Frauenzuchthaus der DDR. In der mächtigen Burg, hoch über dem kleinen sächsischen Städtchen Stollberg gelegen, sind politische Gefangene zusammen mit Kriminellen inhaftiert. Es ist kalt, die Zellen sind überfüllt, die sanitären Verhältnisse katastrophal. Für zwölf Frauen gibt es eine Toilette und drei Waschbecken. Das Essen ist karg: dünne Kohl- oder Möhrensuppe, gebratenes Blut, die Kartoffeln verschimmelt. Und die Frauen müssen hart arbeiten: in der Gefängnisnäherei zum Beispiel. Wer die Vorgaben – pro 8-Stunden-Schicht 287 Bettbezüge, bei den Kopfkissen liegt die Tagesnorm bei über 600 Stück – nicht erfüllt, bekommt nur ein paar Pfennige bezahlt. Wer die Arbeit verweigert, landet im Arrest, den berüchtigten dunklen, eiskalten Einzelzellen im Keller, in denen es nur Wasser und Brot gibt. Und die „Politischen“ landen dort noch ein bisschen häufiger als die anderen Inhaftierten, denn für das Wachpersonal sind sie die unterste Stufe der Gefängnishierarchie. Sie werden am schlechtesten behandelt.

Doch schlimmer noch als die Haftbedingungen ist für Monika Schneider die Ungewissheit, was mit ihren Kindern passiert ist. Sie erfährt schließlich, dass ihr älterer Sohn Dirk (damals 8) bei ihren Eltern lebt. Thomas, der Kleinere, ist in ein Heim gebracht worden. Die Gefängnisleitung fordert Monika Schneider auf, die Kinder zur Adoption freizugeben. Sie sollen bei Systemtreuen eine sozialistische Erziehung bekommen. Die gelernte Industrieschneiderin lehnt ab.

Übergabe auf dem Bahnhof

Als sie Anfang 1985 in Abschiebehaft kommt, stellt sie sofort einen Ausreiseantrag für ihre Kinder. Doch Dirk darf die DDR nicht verlassen. Die Großeltern erhalten das Erziehungsrecht. Thomas wird ihr vier Monate später vom Deutschen Roten Kreuz in der Friedrichstraße übergeben. „Ich habe ihn auf dem Bahnhof sofort erkannt, er mich nicht“, erinnert sich die 56-Jährige, die heute als Sachbearbeiterin am Gericht arbeitet. „Zuhause hat er dann ganz still bei mir auf dem Schoß gesessen und mich mit großen Augen angeschaut und – ich habe nur geheult.“

Thomas Jährling hat über seine Zeit in dem Kinderheim bei Bautzen nie geredet, mit seiner Mutter sowieso nicht. „Bringt das was? Das ist Vergangenheit, und die kann ich nicht ändern“, sagt der inzwischen 32-Jährige, der als Trockenbauer in Berlin arbeitet. Seiner Mutter hat er keine Vorwürfe gemacht, obwohl sie mit dem Fluchtversuch riskiert hat, dass er und sein Bruder Dirk ins Kinderheim kommen. Was er allerdings bis heute nicht versteht, ist, dass sein Bruder bei den Großeltern leben durfte und er im Heim sein musste. Dort herrschten strenge Regeln, und es wurde auch geprügelt, erzählt er.

Monika Schneider, die mit ihrem zweiten Mann in Reinickendorf wohnt, weiß nicht, ob sie die geplante Flucht wirklich durchgezogen hätte. „Und wäre es alles anders gewesen, wenn ich nicht verhaftet worden wäre?“ Eine Frage, die niemand beantworten kann. Auch wenn Thomas sagt: „Auf meine Mama lass‘ ich nichts kommen“, war das Verhältnis der beiden über Jahre schwierig. „An Thomas war kein Rankommen. Ich wusste nie, was er wirklich denkt“, berichtet Monika Schneider. „Er hat immer nur das gesagt, was wir hören sollten.“ Es gab Probleme in der Schule, in der Lehre, später einen Riesenkrach. Worum es ging, darüber wollen Mutter und Sohn heute nicht mehr sprechen. Danach hat sie Thomas, obwohl er nur um die Ecke wohnte, ein Jahr nicht gesehen. Inzwischen sind sie versöhnt.

Dirk, ihren Großen, sah sie erst sechs Jahre später, nach dem Mauerfall, wieder. „Plötzlich stand er vor meiner Tür, wir sind uns um den Hals gefallen. Es war wie in einem Hollywood-Film“, sagt Monika Schneider. Ein Mutter-Sohn-Verhältnis haben sie allerdings nicht: „Wir sind eher gute Kumpels.“ Heute lebt Dirk mit seiner Familie in der Schweiz.

Tausende Frauen waren von 1950 bis 1989 als „Politische“ in Hoheneck inhaftiert. Viele Familien sind dadurch und danach zerbrochen. So wie bei Anita Goßler. Die heute 78-Jährige wird im Mai 1953 zu fünf Jahren verurteilt, weil ihr Freund eine alte Pistole hat. Waffenbesitz ist in der DDR verboten. Nach der Verhaftung kommt Anita Goßler fünf Monate in Einzelhaft, wird immer wieder verhört. Die 20-Jährige glaubt schwanger zu sein, doch eine ärztliche Untersuchung wird ihr verweigert. Einige Monate später bekommt Anita Goßler im Gefängniskrankenhaus in Leipzig-Meusdorf eine Tochter – Ute.

Als Anita Goßler im Februar 1954 nach Hoheneck gebracht wird, muss sie ihr Kind zurücklassen – wie die anderen verurteilten 19 Frauen, die in Meusdorf ein Kind geboren haben. Ute kommt in ein Kinderheim, ihre Mutter wird aufgefordert, ihre Tochter zur Adoption freizugeben. Anita Goßler lehnt ab. Ihre Strafe: die berüchtigte Wasserzelle in Hoheneck. Dort stehen die Frauen barfuß in einem düsteren Raum, eiskaltes Wasser kommt aus Düsen im Boden. Das Wasser steigt und steigt, erst nach einer Weile läuft es wieder ab. Und irgendwann kommt die nächste Welle.

Nach der vorzeitigen Entlassung im September 1956 beantragt Anita Goßler Familienzusammenführung mit ihrer Mutter, die inzwischen im Westen lebte. Sie heiratet ihren Freund Günther. Gemeinsam versuchen sie ab 1957 immer wieder, mit Hilfe des Deutschen Roten Kreuzes nach Ute zu suchen. Sie erfahren, dass das Mädchen inzwischen bei dem Heimleiter-Ehepaar lebt.

In den kommenden Jahren bekommen Anita und Günther Goßler vier weitere Töchter. Ute lehnt es immer ab, zu den Eltern nach West-Berlin zu gehen. Als sie 18 wird und damit volljährig, gibt es keine rechtliche Grundlage mehr für eine Familienzusammenführung. Erst 1992 kommt es zu einem Treffen der beiden Frauen in Leipzig. Ute, inzwischen 39, begegnet ihrer Mutter mit großer Ablehnung. „,Glaub‘ bloß nicht, dass ich dich Mutti nenne‘ waren ihre ersten Worte“, berichtet Anita Goßler, „und ich habe ihr geantwortet: ,Das brauchst du doch auch nicht, aber wir können doch Freunde werden.'“ „Das glaube ich nicht“, sagte Ute. Und geht.

Anita Goßler kämpft mit den Tränen, während sie mit leiser Stimme weiter erzählt. Immer wieder versuchte sie ihrer Tochter zu erklären, dass sie unschuldig im DDR-Gefängnis war. Doch das will Ute nicht akzeptieren. „Wer in der DDR nichts verbrochen hatte, ist auch nicht eingesperrt worden, das war ihre Meinung. Die sozialistische Erziehung hat eben gut funktioniert“, sagt Anita Goßler. Selbst die spätere Rehabilitierung der Mutter kann Ute nicht überzeugen. Auch die Versuche der anderen Goßler-Töchter, mit der großen Schwester Kontakt aufzunehmen, verlaufen im Sande. 2006 schreibt Anita Goßler an Ute, dass sie ihre Stasi-Akte beantragen will. Seitdem ist der Kontakt gänzlich abgebrochen. Ihre Mutter weiß nur, dass sie inzwischen auch eine Tochter hat und geschieden ist. Was Anita Goßler dann sagt, klingt hart. Es passt so gar nicht zu dieser sanften Frau, und doch macht ihre Lebensgeschichte den Satz verständlich: „Ich hätte der Adoption damals zustimmen sollen, dann hätte ich die Vergangenheit abschließen können. So verfolgt mich das Unrecht der DDR – bis an mein Lebensende.“

Hannelore Höfelmayr und ihre Tochter Ina Jaekel haben mehr Glück, wenn man in so einer Situation überhaupt von Glück reden kann. Sie sind gemeinsam in Hoheneck inhaftiert und kommen zusammen in eine Zelle. Höfelmayrs, die in Thüringen leben, schmieden jahrelang Fluchtpläne. Sie fühlen sich in der DDR unfrei und bevormundet. Sie wollen allerdings warten, bis Ina und ihr Bruder alt genug sind, so dass sie nicht in einem DDR-Kinderheim landen, wenn die Flucht scheitert. 1983 versuchen Höfelmayrs schließlich, einen Weg über die grüne Grenze in der CSSR zu finden. Erfolglos. Danach sprechen sie bei der österreichischen Botschaft in Ost-Berlin vor und erfahren, dass sie einen Ausreisantrag brauchen. Am 21. März stellen sie in Eisenach den Antrag – im März 1984 wird die gesamte Familie verhaftet.

In der U-Haft hört Hannelore Höfelmayr ihre 18-jährige Tochter in der Zelle gegenüber weinen und schreien. “ Lasst mich zu ihr“, bittet sie. Doch die Wächterin herrscht sie an: „Du Rabenmutter, hast dein Kind in den Knast gebracht und nu winselst du.“ Wegen versuchter Republikflucht wird Hannelore Höfelmayr im Juli zu einem Jahr und sechs Monaten verurteilt, ihr Mann zu einem Jahr und neun Monaten, Ina zu einem Jahr, der Sohn zu acht Monaten.

Kurz darauf kommen Mutter und Tochter nach Hoheneck. „Es war ein Geschenk des Himmels, dass ich mit meiner Mutter zusammen sein konnte“, erzählt Ina Jaekel. „Ich war noch so naiv und diese ganze finstere Szenerie in Hoheneck machte mir unendlich viel Angst.“ Ihre Mutter erlebt die heute 46-Jährige, inzwischen selbstständige Unternehmerin in Potsdam, als mutig und selbstbewusst, „so wie ich sie immer kannte.“ Auch Hannelore Höfelmayr hat Angst. Aber sie lässt es sich nicht anmerken. Sie will stark sein, für ihre Tochter. „Meine größte Sorge war immer, dass Ina und ich getrennt werden“, sagt die heute 65-Jährige, die als Rentnerin in Charlottenburg lebt. Mutter und Tochter haben noch einmal Glück. Sie werden nach wenigen Monaten im Zuchthaus vom Westen freigekauft. Die Haft hat sie zusammengeschweißt. Beide reden auch danach immer wieder über Hoheneck, das tut ihnen gut. Die Männer der Familie haben dieses Glück nicht. „Sie haben die Zeit des Eingesperrtseins nie verarbeitet“, sagt Ina Jaekel. Letztlich ist die Ehe ihrer Mutter zwei Jahre später an dieser Sprachlosigkeit zerbrochen.

Mehr über die Schicksale ehemaliger Hoheneckerinnen und ihrer Familien lesen Sie in „Der dunkle Ort – 25 Schicksale aus dem DDR-Frauengefängnis Hoheneck“ von Dirk von Nayhauß und Maggie Riepl, Be.Bra Verlag, 19,95 Euro. Bis zum 3. April ist in der Heinrich Böll Stiftung, Schumannstraße 8 in Mitte, die begleitende Ausstellung „Das Frauengefängnis Hoheneck“ zu sehen. Mo. bis Fr. 8 bis 18 Uhr, Eintritt frei.

Quelle: Berliner Morgenpost / Maggie Riepl, 10.3.2012

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3 Responses to „Das Unrecht verfolgt mich – bis an mein Lebensende“

  1. Doris Ostwald sagt:

    Seit ich diesen Blog gefunden habe, sausen mir die Emotionen nur so durch den Kopf. Und ich finde EURE Arbeit und euren Einsatz großartig. Gerade aus diesem Grund möchte ich auch etwas dazu beitragen.

    Arrest

    Einatmen, ausatmen, nicht atmen. Drei Atemzüge von Wand zu Wand, es geht auch mit zweien und mit einem Luftzug. Ihr Säue, ich spucke euch ins Gesicht. Ich rede nicht mit euch! Die Zellenwände sind immer noch besser als eure Ohren. Die Masse mordet den Einzelnen. Die Verfolger, die Ankläger, die Verteidiger – dressierte Raubtiere! Macht mit dem Volk, Terror für das Volk, Verrohung durch das Volk! Ich will reden, wenn ich reden will, und nicht, wenn ihr wollt. „Der Geist kann nur frei sein, oder er kann nicht sein!“ Ich könnte schreien, lachen, kotzen. Mir ist schlecht. Nicht reden und nicht essen, nichts mehr aufnehmen, die totale Verweigerung. Meine Auten brennen vom Neonlicht.

    Die Luft lässt meinen Atem gefrieren. Mir ist, als ob mir tausend Eiszapfen aus allen Poren wachsen – Scheiße! Illusion – Isolation, I-so-la-tion. Alles mit dem Volk, alles für das Volk, alles durch das Volk. Stalins Erben sabbern Parolen! Literarische Bettnässer! Ich will lesen, was ich will, und nicht, was ihr wollt. Und ich will lachen und tanzen und glücklich sein. Gab es wirklich einmal eine Zeit, wo ich saß und saß, träumte in die Baumkronen und zu den Sternen hinauf und an gar nichts dachte? Gab es eine Zeit, wo ich unter Mond und Sterne gehen konnte, ohne dass die Gedanken wie unruhige Würmer im Schädel wühlen?

    Eins, zwei, drei, vier in die Länge hin zur Öffnung. Zugemauert von unten und zugemauert von oben! Wenn ich mich ganz weit strecke, könnte ich die kleine Metallplatte wegschieben und hinauf zum Himmel sehen. Ich muss nur die Klappe… Rei-ßen! Konzentriere dich auf diese scheiß Klappe! Ein Fetzen Himmel, ein winziger, schmaler Fetzen. Aus der Isolationshaft ist eine Illusionshaft geworden. Niemand hört meine Worte. Keiner hört meine Schritte. Hast du Anst?

    Meine Zähne klappern und knirschen und malmen. Die Kälte kraucht wie eine Walze durch meinen Körper hinauf bis zum Hals. Aber ich atme noch! Ich hauche und fauche. „Peter und der Wolf“ – Sergej Prokofjew. Alle Tiere haben ihre ganz bestimmte Melodie. Drei Hörner blasen den Wolf und die Flöte trällert den Vogel… Sie trampeln zu den Stufen. Trab, trab, trab – klingt wie ein Trommelwirbel kurz vor der Jagd. Stahlblaue Augen blicken auf mich herab. Gelbgrüne Augen setze ich dir entgegen.

  2. Vera.Tellschow@t-online.de sagt:

    Anita Goßler konnte ihr Kind damals zu ihrer Zeit im Haftkrankenhaus Leipzig-Meusdorf zur Welt bringen, obwohl es für sie heute anscheinend falsch war, weil sich die Tochter gegen sie stellt, aus Unwissenheit und Verblendung. Ich durfte mein Kind nicht zur Welt bringen(3.Monat) 1973 wegen politischer Unfähigkeit. Habe zwar 1976 noch einen Sohn bekommen, der sich heute sozusagen auch gegen mich stellt, weil ich ihn zu sehr verwöhnt habe,da ich ständig Angst habe, daß ihm was negatives passieren könnte. Frage mich immer wieder, was heute wäre, wenn ich das 1.Kind – wäre 1974 – geboren austragen hätte dürfen. Bin heute 63 Jahre.

  3. Vera.Tellschow@t-online.de sagt:

    Nachtrag zu Anita Goßler, die Unterbrechung fand gegen meinen Willen im Haftkrankenhaus Leipzig-Meusdorf statt, war wegen § 213 im Knast.

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