Staatsfeind wegen der Liebe

Tatjana Sterneberg wollte einen Italiener heiraten und landete dafür drei Jahre im Gefängnis

ORANIENBURG – Ein Italiener mit dem schönen Namen Antonio hatte es ihr angetan. Er war groß, sah gut aus und hatte Manieren. Zur ersten Verabredung schenkte er ihr Blumen. Doch es gab ein Problem. Tatjana Sterneberg lebte und arbeitete in Ost-Berlin, im Stadt-Hotel-Berlin, dem heutigen Park Inn. Antonio arbeitete in West-Berlin. Weil die DDR ihren Ausreiseantrag ablehnte, plante das Pärchen die Flucht in den Westen. Doch die Stasi kam ihnen zuvor.

Am 7. November 1973 nahmen drei Männer Tatjana Sterneberg, geboren 1952 in Ost-Berlin, „zur Klärung eines Sachverhaltes“ mit zum Verhör. Am 13. Mai 1974 wurde sie wegen „staatsfeindlicher Verbindungsaufnahme und Vorbereitung zum ungesetzlichen Grenzübertritt“ zu drei Jahren und acht Monaten Haft verurteilt und ins berüchtigte Frauengefängnis Hoheneck im Erzgebirge verschleppt. Was folgte, erzählte Tatjana Sterneberg gestern Schülern am Georg-Mendheim-Oberstufenzentrum in Oranienburg.

Mit bis zu 24 Frauen auf 30 Quadratmetern erlebte Tatjana Sterneberg in einer Zelle eingepfercht Schlimmes. Es gab die perfiden Verhörmethoden und den Psychoterror der Stasi. Und dann immer wieder Schläge, Isolationshaft und Folter. Tatjana Sterneberg verlor sogar ein Kind im Gefängnis. 1976 schließlich wurde sie vom Westen freigekauft. „Wir waren froh, dass wir das alles hinter uns hatten. Wir sind auf den Boden gefallen, haben den Boden geküsst“, berichtet sie von ihrer Ankunft in Westdeutschland.

Später erfuhr Sterneberg, dass die Stasi sie mit gesundheitsschädigenden Psychopharmaka vollpumpen ließ und sie von Spitzeln umgeben war. Der Arzt, Mithäftlinge, sogar der Seelsorger im Gefängnis hatten sich von der Stasi einspannen lassen.

Für Tatjana Sterneberg begann nach ihrem Martyrium in Hoheneck zunächst eine glückliche Zeit. Ihren geliebten Antonio, der selber zwei Jahre in Haft saß, heiratete sie 1977 in Neapel, anschließend zog das Paar nach Westberlin. Aus der Ehe stammt ein Kind.

Doch die Geschichte hat sie eingeholt. Nach ihrer Haft litt sie unter Panikattacken, konnte sich nicht in kleinen Räumen aufhalten. Dann, als die Mauer fiel, fiel Tatjana Sterneberg in eine tiefe Depression. Erinnerungen kamen hoch. Manchmal glaubte sie, der Boden unter ihr würde sich auftun und sie verschlucken. Eine „post-traumatische Belastungsstörung“, so die Diagnose. Sie hat inzwischen Therapien gemacht und gelernt, mit ihrem Trauma umzugehen. Dazu gehörte auch, mehr über die DDR zu erfahren und ihre Peiniger zur Rede zu stellen.

Einmal hat sie auch den Arzt, der sie in Hoheneck mit Psychopharmaka ruhig stellte, besucht. Er praktiziert heute in Ahrensfelde. Von Reue keine Spur.

Quelle: Sebastian Meyer, 17.9.2011, Märkische Allgemeine

Advertisements

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s

%d Bloggern gefällt das: