Entschädigung für Zwangsarbeit

3. Mai 2012

Auch Quelle profitierte von Zwangsarbeit politischer Häftlinge

POTSDAM – Ikea war nicht das einzige westliche Unternehmen, das die DDR als verlängerte Werkbank nutzte und dabei von der Zwangsarbeit politischer Gefangener profitierte. Es habe eine ganze Reihe von Firmen aus der Bundesrepublik und dem Ausland gegeben, mit denen Produktionsverträge abgeschlossen waren, sagte gestern die Sprecherin der Stasiunterlagen-Behörde, Dagmar Hovestädt. Die Stasi sei jeweils im Bilde gewesen, weil es um Devisen ging. Schuhe für Salamander kamen aus Erfurt, Schiesser-Unterwäsche aus Sachsen. Billige Kameras, Küchengeräte und Kinderwagen waren Made in GDR.

Auch politische Häftlinge schufteten für den Profit. Gefangene des Stasi-Sondergefängnisses Bautzen II mussten Frottee-Handtücher für den Versandhauskonzern Quelle nähen, sagte die Sprecherin der Gedenkstätte Bautzen, Susanne Hattig, gestern der MAZ. Bereits 1990 wiesen Reporter des WDR nach, dass Insassen des berüchtigten Frauengefängnisses Hoheneck Esda-Strumpfhosen für den Westexport verpacken und für Quelle im VEB Planet Bettwäsche nähen mussten. Karin Funke, in den 1970er Jahren wegen versuchter Republikflucht eingesperrt, fand nach ihrem Freikauf die von ihr genähten Bezüge bei Quelle in Berlin. Brigitte Bielke, ebenfalls Ex-Häftling in Hoheneck, hatte den Versandhändler 1989 darauf aufmerksam gemacht, dass seine Katalogware unter Androhung von Einzelarrest gefertigt war. Quelle habe die Mitwisserschaft abgestritten. Tatsächlich war der Konzern nach Angaben der Internationalen Gesellschaft für Menschenrechte lange informiert. Sie verweist auf einen Brief vom Oktober 1982, mit dem Quelle zusicherte, in künftigen Verträgen Zwangsproduktion durch Häftlinge auszuschließen.

In seiner Reportage zur Zwangsarbeit für Ikea ließ der schwedische Rundfunk SVT gestern Wolfgang Welsch zu Wort kommen. Der hatte bis 1971 unter anderem im Zuchthaus Brandenburg gesessen, weil er bei der Defa einen SED-kritischen Film drehen wollte. Er berichtet von der Möbelfertigung: „Wir wussten nur, dass ein Teil davon nach Schweden verschifft wird.“ Manchmal seien Dokumente in Schwedisch aufgetaucht. Er habe drei Schichten nacheinander arbeiten müssen, ständig habe es an Essen gefehlt, sagt Welsch.

Hubertus Knabe, Direktor der Stasi-Opfer-Gedenkstätte Hohenschönhausen, sagte der MAZ gestern, er fordere die Bundesregierung auf, eine Kommission aus Experten und Opfern einzusetzen, um Vorschläge für Entschädigungen zu machen.

Quelle: Volkmar Klein, Märkische Allgemeine, 3.5.2012


Interview

23. Mai 2011

Gefangen in der DDR

Interview mit Ellen Thiemann und Ingeborg Linke. Ein Beitrag von Julia Möckl

Die Ellen Thiemann und Ingeborg Linke stehen nebeneinander vor einer Plakatwand.Burg Hoheneck thront wie eine Festung über der Stadt Stollberg im sächsischen Erzgebirge. In der DDR wurde die Burg zum größten Frauengefängnis der DDR. Ein großer Teil der Frauen wurde aus politischen Gründen gefangen gehalten.

“Mörderinnen sind mir lieber als Sie” – so wurde Ingeborg Linke begrüßt, als sie in Hoheneck ankam. Die Hierarchien waren von Anfang an klar: Kriminelle standen über den politischen Gefangenen, die als “Staatsverbrecher” betitelt wurden.

25 Jahre für angebliche Spionage

Frauen wie Ingeborg Linke bildeten die erste Generation der Hoheneckerinnen. Zusammen mit ihr kamen 1950 über 1000 Frauen nach Hoheneck, die Ende der 40er Jahre noch vor sowjetischen Militärtribunalen in der SBZ angeklagt wurden. Ingeborg Linke wurde wegen angeblicher Spionage zu 25 Jahren verurteilt. Einen Verteidiger bekam sie nicht – der Prozess war eine Farce. Wie Ingeborg Linke landeten in dieser Zeit auch viele andere Frauen unschuldig im Gefängnis.

Republikflüchtlinge und “Bodenschläfer”

Später kamen vor allem Frauen nach Hoheneck, die wegen versuchter Republikflucht von DDR-Gerichten zu Gefängnisstrafen verurteilt wurden. Eine davon war Ellen Thiemann. Sie war Mitte der 70er Jahre inhaftiert, einer Phase, in der das Gefängnis Hoheneck deutlich überbelegt war: Im Mai 1974 waren über 1.600 Frauen in Hoheneck inhaftiert – ausgelegt war das Gefängnis für etwa 600. Zwischen den Stockbetten in den Zellen schliefen sogenannte “Bodenschläfer”.

Schlechte Verpflegung und Kellerarrest

Schlafplätze, Verpflegung, Sanitäranlagen – in Hoheneck fehlte es an allem. Auch die Freizeitgestaltung war streng reglementiert: Ingeborg Linke hat in den 5 Jahren, die sie in Hoheneck verbracht hat, nur ein einziges Buch gelesen. Ellen Thiemann erinnert sich, dass es verboten war, zu singen oder Fremdsprachen zu üben. Hinzu kamen Demütigungen und Schikanierungen: Wer aufbegehrte, wurde bestraft – durfte eine Zeit lang keinen Besuch mehr empfangen, kam in Isolationshaft oder musste in den Kellerarrest.

Hier klicken, um das Interview anzuhören: “Gefangen in der DDR”


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